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Kommentar: Boliviens Krankheit

Wolfgang Kunath ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Südamerika.
Wolfgang Kunath ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Südamerika.
Foto: FR

Kann sich ein Land in der eigenen Unregierbarkeit einrichten? Ist es möglich, die Spaltung, die Konflikte einfach auszuhalten, ohne Hoffnung, sie zu lösen? Für Bolivien stellt sich diese absurde Frage mehr denn je. Das Referendum vom Sonntag hat die Fronten nur verhärtet. Der linke Präsident Morales, der die indianische Bevölkerungsmehrheit aus ihrer ewigen Diskriminierung erlösen will, und seine rechten Gegner im reichen Tiefland des Ostens, die die nationalstaatliche Gemeinsamkeit in Frage stellen - wie sollen die je auf einen Nenner kommen?

Der Osten hütet sich, von offener Sezession zu sprechen; es liegt auf der Hand, dass das Militär, das sich als Wahrer der Nation versteht, eine Abspaltung nicht hinnehmen würde. Das zu akzeptieren, ist der kleinste Nenner; ansonsten herrscht offene Feindseligkeit. Man mag Regionen ein bestimmtes Maß an Autonomie zugestehen. Aber wohin treibt die Autonomiebewegung in Bolivien, wenn Morales gehindert wird, die gegnerischen Gegenden überhaupt zu besuchen? Es gibt nur ein Mittel gegen die bolivianische Krankheit: den Dialog, vermittelt von der Kirche oder vom Ausland. Dazu sind die Bereitschaft und ein Basis-Konsens nötig.

Beides fehlt in Bolivien. Morales wie seine Gegner hoffen, sich durchzusetzen - keine Spur von Dialogbereitschaft. Über den Grundkonsens einer Gesellschaft befinden normalerweise Verfassungsversammlungen. Die Chance ist verspielt, seit das Regierungslager die Verfassung quasi im Handstreich beschloss. Zum Grundkonsens gehört auch ein Minimum an nationalstaatlicher Solidarität. Die haben die Morales-Gegner in Ost-Bolivien längst aufgekündigt.

Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  12 | 8 | 2008
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