Im gedeckt fliederfarbenen Jackett erschien die Kanzlerin. Ihr Vize trug eine Krawatte im grellen Orange. Rein modisch harmonierten Angela Merkel und Guido Westerwelle nicht sonderlich gut bei der Haushaltsdebatte des Bundestages. Ansonsten gaben sich die beiden Spitzenpolitiker aber betont einmütig. Nicht nur lächelten sie sich auf der Regierungbank brav für die Kameras an. Auch vermieden sie und ihre Parteifreunde in der Aussprache bewusst jede Animosität. Einmal sagte Merkel gar, das Steuersystem müsse "einfach, niedrig und gerecht" sein, und Westerwelle strahlte vor Freude, obwohl die Forderung wortwörtlich im CDU-Wahlprogramm steht.
Doch wie zerbrechlich der Waffenstillstand in diesem Bündnis einer orientierungslosen CDU mit einer neurotischen FDP und einer profilsüchtigen CSU ist, wurde zeitgleich in einem mehr als derben Schlagabtausch zwischen Kiel und München vorgeführt. Da holzte - von Koalitionsfreund zu Koalitionsfreund - der FDP-Mann Wolfgang Kubicki, dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer sei "die Familienplanung aus dem Ruder gelaufen", um sich von dessen Generalsekretär bescheinigen zu lassen, ihm sei "wohl die Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen".
Spätestens hier würde man jede Theateraufführung wegen unerträglicher Niveaulosigkeit verlassen. Das Trauerspiel der "bürgerlichen" Koalition müssen sich die Wähler aber weiter anschauen. Zu befürchten ist, dass nach der Nordrhein-Westfalen-Wahl die Konflikte in der Steuer- und Gesundheitspolitik erst richtig aufbrechen. Mit inszenierten Nettigkeiten wird Merkel die gewaltigen Fliehkräfte nicht bändigen können.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.