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Kommentar: Chinesische Harmonielehre

In der laut Parteibeschluss harmonischen Gesellschaft Chinas denkt keiner an Gewalt. Und kein Han-Chinese verachtet etwa die Uiguren, bloß weil sie noch nicht mit Leib und Seele Chinesen sind. Von Karl Grobe

Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die Beweisführung leuchtet ja ein. In der laut Parteibeschluss harmonischen Gesellschaft Chinas denkt keiner an Gewalt. Und kein Han-Chinese verachtet etwa die Uiguren, bloß weil sie noch nicht mit Leib und Seele Chinesen sind. Verantwortlich für die blutigsten Zusammenstöße seit Jahrzehnten in Xinjiang konnten also nur Hetzer im Ausland sein.

Nein, Chinas Gesellschaft ist dort gar nicht harmonisch, wo die staatlich-politische Ordnung der Han - der überwältigenden Mehrheit - auf eine andere Zivilisation innerhalb der Staatsgrenzen trifft: Tibet und Xinjiang. Der tiefere Hintergrund der Gewaltszenen in Ürümqi, der Hauptstadt von Xinjiang, liegt genau hier - im Unvermögen der Han, ihrer Partei und ihres Staats, die islamische Hochkultur der Uiguren zu respektieren; und im Unwillen der meisten Uiguren, sich von den Han kulturell, wirtschaftlich und politisch überwältigen zu lassen. Wobei der wirtschaftliche Fortschritt sehr beeindruckend, aber exklusiv han-chinesisch ist.

Peking verspielt seit einem halben Jahrhundert die Chance für eine friedliche und nicht nur im Parteisinn harmonische Entwicklung gemeinsam mit den Uiguren. In der nach ihnen benannten Autonomen Region sind die Uiguren nicht autonom, sondern marginalisierte Minderheit. Um zu überleben oder gar ökonomisch zu reüssieren, müssen sie chinesisch sprechen, Chinesen werden. Andersdenkenden unterstellt die Staatsgewalt Separatismus und gar Terrorismus.

Übrigens: Die durch unglückliche Zufälle nach Guantánamo geratenen Uiguren nach China zu verweisen, wäre unmenschlich; sie sind über Terrorismusverdacht erhaben, aber Peking begreift das nicht.

Autor:  KARL GROBE
Datum:  6 | 7 | 2009
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