Es ist gut, dass die Odenwaldschule sich an die sexuelle Gewalt erinnert, die dort Schülern und Lehrern angetan wurde. Gut für die Opfer, gut für die Odenwaldschule. Und gut für uns. In den letzten Wochen konnte der Eindruck entstehen, sexuelle Gewalt sei eine Spezialität katholischer Sexualmoral. Das ist Unsinn. Sexualtäter gibt es überall. Die meisten Kinder werden nicht hinter Klostermauern oder in paramilitärischen Zuchtanstalten, sondern in der eigenen Familie vergewaltigt.
Die Vorkommnisse an der Odenwaldschule belegen, dass auch eine freiheitliche Sexualerziehung Kindern und Jugendlichen keinen Schutz bietet. Ob der Mann, der sich an seinem Schüler vergeht, sich anschließend heftigste Vorwürfe macht und nach einer Buße verlangt oder ob er sich und anderen einredet, er befriedige, in dem er sich befriedige, die sexuellen Wünsche des Kindes, kann die Bildung der eigenen Persönlichkeit des Opfers mit exakt der gleichen Wucht behindern oder gar zerschlagen.
Es gibt keinen Schutzraum, in dem man das zarte Pflänzchen Jugend aufziehen könnte. Im Gegenteil: Das Allerfürchterlichste passiert in den am besten abgesicherten Schutzräumen. Wie wir alle so brauchen auch Kinder und Jugendliche Alternativen. Sie müssen nicht nur die Möglichkeit haben, wenn die eine Autorität die ihre zu sehr ausnutzt, sich an eine andere zu wenden. Sie müssen diese Möglichkeit auch sehen. Die Schutzräume, in denen die jeweiligen Autoritäten Gott spielen können, müssen schon darum weg. Je offener die Umgebung, umso eher gibt es andere Ansprechpartner, also einen Ausweg.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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