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Kommentar: Die Sünde des Papstes

Wie weit darf Toleranz gehen - und sollte eine Glaubensgemeinschaft, in deren Gotteshäusern menschenverachtende Geschichtsverfälschung betrieben wird, staatliche Förderung erhalten? Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Mitglied der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Stellen wir uns vor, ein wichtiger muslimischer Vorbeter nähme einen wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten ausgeschlossenen Glaubensgenossen wieder auf. Stellen wir uns vor, dieser Mann erzählte kurz vor seiner Rückkehr folgendes: Hitler habe "allenfalls" 200.000 oder 300.000 Juden umbringen lassen, und vergast worden sei schon mal gar keiner, denn Gaskammern habe es gar nicht gegeben. Stellen wir uns vor, der Vorbeter, der diesen Mann wieder aufnimmt, wäre ein bis dahin angesehener Deutscher. Stellen wir uns vor, er ließe verlauten, die Holocaust-Leugnung sei nicht so schön, habe aber mit der Wiederaufnahme in die religiöse Gemeinde nichts zu tun.

Klar, die Empörung der jüdischen Gemeinden und Organisationen würde in Deutschland allgemein geteilt, und höchste Regierungskreise würden eine Frage stellen: Wie weit darf Toleranz gelten für eine Glaubensgemeinschaft, in deren wichtigsten Gotteshäusern eine solch menschenverachtende Geschichtsverfälschung betrieben oder auch nur geduldet wird?

In der Wirklichkeit ist der Wiederaufgenommene kein Muslim, sondern ein reaktionärer katholischer Fundamentalist. Der Vorbeter nennt sich Papst und war mal ein angesehener Deutscher. Es müsste uns nicht interessieren, dass er ein paar religiös abgedrehte Glaubensbrüder wieder integriert. Wer aber mit faden Ausreden Holocaust-Leugner aufwertet, der hat unser Interesse verdient. Und wenn für Muslime, dann gilt auch für ihn die Frage, wie lange seine Organisation in Deutschland noch staatliche Förderung genießen darf. Frau Merkel, Herr Schäuble - jetzt können Sie zeigen, dass vor Ihren kritischen Augen alle Religionen gleich sind.

Autor:  STEPHAN HEBEL
Datum:  26 | 1 | 2009
Kommentare:  1
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