So viele Stimmen wie gestern in Österreich hat in Europa seit 1945 keine rechtsradikale Gruppierung mehr bekommen. 29 Prozent sind es, wenn man die Stimmen der beiden verfeindeten Rechtsparteien addiert - damit liegen sie nur knapp hinter den Sozialdemokraten.
Waren es die zänkischen, kompromissunfähigen Sozial- und Christdemokraten, die die Rechten so stark gemacht haben? Das ist bestenfalls ein Teil der Wahrheit. Es waren schließlich die Rechten selbst, die die kläglich gescheiterte große Koalition überhaupt erst gestiftet haben. SPÖ und ÖVP haben vor zwei Jahren nicht aus Sympathie zueinander gefunden. Vielmehr waren andere Konstellationen gar nicht möglich, es sei denn, man hätte mit Parteien koaliert, die Österreichs Städte von "kriminellen Ausländern" und Bettlern "säubern" wollen oder einen ehemaligen Wehrsportler aus dem Neonazi-Milieu zum Vorsitzenden wählen.
Wer das Phänomen begreifen will, muss zu einer bitteren Schlussfolgerung kommen: Nicht die Schwäche der Demokraten ist das Problem, sondern die Stärke der Rechten. Deren Wähler wollen Österreichs Reichtum "gerechter" verteilen - und niemand von außen daran teilhaben lassen. Man sehnt sich nach den 1970er, nicht nach den 1930er Jahren. Man will wieder die "Insel der Seligen" sein, die Papst Paul VI. damals in Österreich zu finden glaubte: ein Nationalstaat mit sozialer Kontrolle und "Wärme", gern auch mit "Fremden", sofern diese nach drei Wochen abreisen. Und eine rote Ampel gegen Abzweigungen nach rechts außen, wie sie überall sonst auf dem Kontinent vom Strom der Geschichte gespeist wird, gibt es in Österreich nicht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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