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Kommentar: Gefährliche Umarmung

Käßmanns Kritik am Afghanistan-Einsatz sorgte für Aufregung. Doch ihre "Einmischungen" in die Politik sind längst zum Referenzpunkt einer "überfälligen Debatte" geworden. Von Joachim Frank

Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR/Kraus

Der Politiker-Streit über Margot Käßmann und ihre Kritik am Afghanistan-Einsatz geht in Phase B. Deren Motto: Kannst du deinen Gegner nicht bezwingen, umarme ihn! Erst Verteidigungsminister zu Guttenberg, der die Bischöfin zum Tête-à-tête bittet, gar mit ihr auf Erkundungsreise nach Kundus gehen will. Jetzt Angela Merkel, der die Aufregung über Käßmanns Neujahrspredigt ganz und gar nicht einleuchten mag: Solcherlei "Einmischungen" sollten der Politik doch willkommen sein, räsoniert die Kanzlerin.

Das stimmt - und stimmt nicht. Es ist mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass über den Afghanistan-Einsatz viel zu lange nicht offen gestritten worden sei. Dieser Vorwurf trifft weite Teile der Politik, Käßmann aber nicht. Die Bischöfin hat ihre Ablehnung immer wieder - und immer ähnlich - formuliert. Ihre Predigt zur Zäsur und zur Revision evangelischer Positionen zu stilisieren, fällt daher in die Kategorie "geschürter Konflikt". Mit der Folge freilich, dass Käßmanns Kritik zum Referenzpunkt der "überfälligen Debatte" geworden ist, wie sie - zeitversetzt und ein wenig hinter dem Trend - nun auch die Katholiken fordern.

Das Kanzelwort als Katalysator, das ist nicht das Schlechteste, was über die Kirchen in der Gesellschaft gesagt werden kann. Allerdings droht vor lauter Respekt für die Form der Inhalt in Vergessenheit zu geraten. Schon dem "Sozialwort" der Kirchen von 1997 war das Schicksal beschieden, von der Politik totgelobt worden zu sein - als ach, so wertvoller Beitrag zu einer ach, so überfälligen Debatte. Solcher Umarmung sollten sich Käßmann und Co. diesmal rechtzeitig widersetzen.

Autor:  Joachim Frank
Datum:  18 | 1 | 2010
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