Selten, wirklich ganz selten schämen wir uns für unser Land oder zumindest einzelne Landsleute. Damit ist nicht jener Moment der Peinlichkeit gemeint, den jeder schon an fremden Teutonenstränden erlebt hat. Sondern eine Scham, wie sie eigentlich nur ewiggestrige Verächter von Freiheit und Gerechtigkeit auszulösen vermögen. Und selten, wirklich nur ganz selten auch Volksvertreter.
Es ist eine Schande für unsere Republik, dass sie es in 60 Jahren nicht geschafft hat, die Ehre der Soldaten wiederherzustellen, die von der Nazi-Justiz als "Kriegsverräter" verurteilt wurden. Noch 2002, als wenigstens die Urteile gegen Wehrmachts-Deserteure endlich aufgehoben wurden, blieb die Politik auf halber Strecke stehen. Das aktuelle Gezerre um Rehabilitierungsanträge und Koalitionstreue mutet mehr als nur peinlich an. Unter einem Grundgesetz, das jedem Bürger ein Widerstandsrecht gegen den Versuch eines undemokratischen Umsturzes einräumt, kann die Devise "Einmal Landesverräter, immer Landesverräter" einfach nicht gelten. Renommierte Fachleute - der Militärhistoriker Wolfram Wette, der konservative Ex-Verfassungsrichter Hans Hugo Klein - haben zudem ihre Expertisen in den konkreten Fällen abgegeben: Die NS-Urteile wegen "Kriegsverrats" waren rechtsstaatswidrig.
Da hilft jetzt nur eins: Aufheben und zwar sofort. Ohne Vorbehalte und ohne weiteres Gezänk. Das macht die hingerichteten Soldaten nicht wieder lebendig, aber es befreit zumindest ihre Nachfahren von dem Ruch, der Vater oder Großvater sei ein Landesverräter gewesen. Wir stehen nicht an, die Regel umzudrehen: Was damals "Verrat" war, könnte heute als Heldentat erscheinen.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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