Das Jahr 2009 und die Wahl Herta Müllers wird als Glücksgriff in die Geschichte des Literaturnobelpreises eingehen. Die Sprachkunst der erst 56 Jahre alten Autorin ist über jeden Zweifel erhaben. Dabei holt ihr Deutsch, bei aller Klarheit der Diktion, ferne Töne zurück: aus dem k.u.k. Reich, das ihre Großeltern und Eltern noch bewohnt hatten, das aber schon untergegangen war, als Herta Müller 1953 zur Welt kam; in einem rumänischen Dorf der deutschsprachigen Minderheit, einem Dorf der Banater Schwaben; nicht zu verwechseln mit der anderen deutschsprachigen Region Rumäniens, wo die Siebenbürger Sachsen wohnten. Dorther stammte der Poet Oskar Pastior. Ihm, der als Jugendlicher in ein russisches Arbeitslager deportiert wurde, hat Herta Müller ihren jüngsten Roman gewidmet, "Atemschaukel". Und es ist nicht ohne Witz, dass "Atemschaukel" auf jener Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht, der kommenden Montag vergeben wird.
Doch heute darf uns das gleichgültig sein: Wir freuen uns über eine würdige Preisträgerin, die - wie schon Imre Kertész, der ungarische Nobelpreisträger 2002 -, Erfahrungen der Diktatur ohne Sentimentalität, Moral und Tümelei schildert. Es geht bei Müller um die Universalität der menschlichen Erfahrung, die je nach Schicksal schlimm oder schön sein kann. In ihrem Fall war die Erfahrung oft sehr schlimm, sie war Opfer des rumänischen Geheimdienstes Securitate, und jetzt steht ihr plötzlich das Glück des Weltruhms ins Haus. (Wenn es Glück ist.) An ihr hat sich das Wunder Sprache vollzogen, und dass wir daran Anteil haben dürfen, ist ein Glück.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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