Es ist über zehn Jahre her, da stöhnte ganz Russland unter Tschetschenien: Der eiternde Blinddarm der Föderation, eine Republik der Desperados und Polizistenmörder, die russische aber auch kaukasische Nachbarn mit dreisten Raubüberfällen und Kidnapping terrorisierten. Aber dann tauchte Wladimir Putin auf, endlich ein starker Mann. Er räumte auf in Tschetschenien, ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder oder die Weltöffentlichkeit. Etwa 80.000 Menschen sollen in diesem 2. Tschetschenienkrieg umgekommen sein.
Putin aber installierte mit Ramsan Kadyrow seinen starken Mann, kremltreu und rücksichtslos. Auch wenn fast ganz Russland jetzt wegguckt, in und um Tschetschenien eitert es heftiger denn je, werden weiter Zivilisten verschleppt, Polizisten, aber auch Spitzenbeamte umgelegt.
Erst gestern erwischte es den inguschetischen Bauminister Ruslan Achmerchanow. Die Mörder töteten ihn in seinem eigenen Kabinett. Die neuste Mode der Halsabschneider aber ist es, Bürgerrechtler zu verschleppen und zu ermorden, dreist und demonstrativ. Im Juli wurde auf offener Straße Natalja Estemirowa von der Menschenrechtsorganisation "Memorial" in ein Auto gezerrt. Ihre Mörder kutschierten sie über die streng kontrollierte Grenze ins benachbarte Inguschetien, kippten ihre Leiche dort in den Straßengraben. Sarema Sadulajewa vom Kinderhilfswerk "Wir retten eine Generation" und ihr Mann wurden ebenso am helllichten Tage aus ihrem Büro geholt. Vorgeblich zu einem Verhör, wie die Zeitung Iswestija schreibt. Die Täter sollen den Kollegen Sadulajewas sogar eine Handynummer hinterlassen haben, "für alle Fälle". Das Auto mit ihren von Kugeln durchlöcherten Körper stellten die Mörder in unmittelbarer Nähe des tschetschenischen Rehabilitationszentrums ab. Dort wurden auch viele Kinder behandelt, für deren Heilung "Wir retten eine Generation", das Geld gesammelt hatte.
Die Botschaft dahinter ist zynisch und eindeutig: Wir legen die um, die versuchen, andere zu verteidigen, anderen zu helfen. Wir sind gegen Frieden, wir sind gegen Gerechtigkeit. Und wir sind die Herren hier!
Kein Wunder, dass jetzt russische wie internationale Experten darüber streiten, ob der tschetschenische Kremlzögling Kadyrow im Machtrausch immer neue Dimensionen des Terrors erprobt. Schließlich sammelte Natalja Estemirowa ja auch Zeugenberichte, die Kadyrows persönliche Teilnahme an Folterungen schildern. Oder ob die Frechheit der Killer umgekehrt gezielte Amtsanmaßung darstellt, mit der der islamisch-separatistische Untergrund oder auch Kadyrows ausgebootete politische Konkurrenz im prorussischen Lager den Jungdiktatoren diskreditieren wollen. Aber in Dagestan und Inguschetien erwischt es auch Präsidenten und Minister. Tschetschenien und seine nordkaukasische Nachbarschaft sind längst von unsichtbaren Frontlinien zerrissen, die sich quer durch Behörden und Sicherheitskräfte ziehen. Die waffenstarrende Staatsmacht ist zu schwach und zu korrupt, um die Menschenrechtler, aber auch ihre eigenen Führer zu schützen.
Das System von der "Vertikale der Macht", vom starken Mann, der alles entscheidet, dem alle zu gehorchen haben, das System Putin, es ist in Tschetschenien ebenso gescheitert wie in der nordkaukasischen Nachbarschaft. Russland darf weiter warten, wann sein eiternder Blinddarm endgültig platzen wird.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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