Kim Jong Il kann sich wieder einmal als Sieger fühlen. Mit seiner Geiselnehmerpolitik ist es Nordkoreas Diktator gelungen, einen Besuch des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton zu erpressen. Diesem wiederum gelang es, die Freilassung der US-Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee erwirken, die an der nordkoreanisch-chinesischen Grenze verhaftet und im Juni zu jeweils zwölf Jahren Arbeitslager verurteilt wurden.
Der Ex-Präsident dürfte bereits mit der Zusage losgeflogen sein, gemeinsam mit den Reporterinnen zurückkehren zu können. Anders hätte er sich wohl kaum bereit erklärt, dem stalinistischen Regime einen derartigen PR-Coup zu schenken.
Denn Pjöngjangs Propagandaapparat wird die Visite nach allen Regeln seiner Kunst ausschlachten, um im Volk den Eindruck zu erwecken, ihr Land genieße internationalen Einfluss und Respekt. So sehr sich Clinton bemühen wird, nicht unterwürfig zu erscheinen - bei den Nordkoreanern wird der Eindruck entstehen, der ehemalige US-Präsident begegne ihrem "Geliebten Führer" mit Anerkennung und Dankbarkeit.
Weil die Reporterinnen tatsächlich begnadigt wurden, ist der Besuch allerdings nicht nur für Kim ein Coup, sondern auch für Bill Clinton. Obwohl er nicht in offizieller Mission kommt, dürfte er Kim im Auftrag seiner Frau zur Rückkehr zu den Pekinger Sechs-Parteien-Gesprächen oder zur Aufnahme bilateraler Verhandlungen mit Washington zu bewegen versuchen. Womit er Hillary wieder einmal die Show stiehlt: Den ersten echten Erfolg ihrer bisher nicht gerade glänzenden Amtszeit als Außenministerin kassiert ausgerechnet ihr Ehemann.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.