Aktuell: Kolumne "Lieber Fanatiker" | Kolumne "Gastwirtschaft" | NSU-Prozess | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

24. November 2011

Kommentar: Nie wieder Guttenberg!

 Von 
Blickt optimistisch in die Zukunft: Karl-Theodor zu Guttenberg.  Foto: dapd

Neue Medienstrategie und neuer Look machen noch keinen neuen Menschen: Karl-Theodor zu Guttenberg ist und bleibt ein Betrüger. Dass er bei seiner Lügengeschichte bleibt, sollte eine politische Führungsrolle in Zukunft unmöglich machen.

Drucken per Mail

Neue Medienstrategie und neuer Look machen noch keinen neuen Menschen: Karl-Theodor zu Guttenberg ist und bleibt ein Betrüger. Dass er bei seiner Lügengeschichte bleibt, sollte eine politische Führungsrolle in Zukunft unmöglich machen.

Da ist er schon wieder. Noch nicht einmal neun Monate nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister arbeitet Karl-Theodor zu Guttenberg offensiv an seinem Comeback. Das Ganze wirkt gut inszeniert: ein politischer Vortrag in Kanada, das Verfahren gegen ihn eingestellt und nun ein großes Interview zur Präsentation seines Buches.

"Vorerst gescheitert" heißt das Werk, das nächste Woche erscheint, und nicht nur der Titel soll klar machen: Beim Guttenberg-Karriereplan ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Es ist ein neuer, geläuterter Guttenberg, will uns diese Inszenierung weismachen. Die Gel-Tolle des Lebemanns ist einer biederen Mittelstandsfrisur gewichen. Das Gesicht soll ohne die neunmalkluge Designerbrille offen und ehrlich wirken. Medienpartner seiner Rückkehr ist die seriöse Zeit, "Bild, Bams und Glotze" haben vorerst ausgedient.

Keine "Bunte"-Homestory à la "Wie Guttenberg und seine schöne Frau Stephanie sich nach Deutschland sehnen".

Mehr dazu

Boulevard passt eben nicht so recht zum Bild des rechtschaffenen Rückkehrers. Dass das erste große Interview ausgerechnet am Tag nach Einstellung des Verfahrens gegen ihn erscheint, kommt Guttenberg dabei so dermaßen zupass, dass man an einen Zufall kaum glauben mag.

Denn hinter der bieder-seriösen Fassade steckt der alte Guttenberg. Der Mann, der dreister als dreist gelogen und betrogen hat. Der auch angesichts drückender Beweise nicht zugeben wollte, dass er sich eines schweren moralischen Vergehens schuldig gemacht und zudem gegen das Gesetz verstoßen hat.

Soll Guttenberg zurück in die deutsche Politik?

Nur noch einmal zur Erinnerung: Das Netzwerk Guttenplag fand auf 371 von 393 Seiten von Guttenbergs Doktorarbeit Plagiate – das waren fast 95 Prozent der Arbeit. Mehr als 1200mal hat der einstige Vorzeigepolitiker copy und paste gedrückt. Unter den abgeschriebenen Textstellen waren nicht nur 29 Fragmente aus einem Standardwerk seines Doktorvaters, sondern 23 Passagen, die die Staatsanwaltschaft Hof als Verletzungen des Urheberrechts einstufte.

Mehr als 1200 mal kopiert, und trotzdem bleibt Guttenberg im Zeit-Interview bei seiner Darstellung: "Es war kein Betrug". "Hektisch und unkoordiniert gesammelt" habe er, sagt er auch jetzt noch, "den Überblick verloren", ein "dummer Fehler", ja, aber doch kein vorsätzlicher Betrug. Dass das eine dreiste Lüge ist, ist angesichts der Fülle von Plagiaten nicht nur jedem klar, der selbst studiert und schon im ersten Proseminar die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens eingebläut bekommen hat.

Indem Guttenberg bei dieser offensichtlichen Lüge bleibt, um sein moralisches Komplettversagen schönzureden, verhöhnt er nicht nur alle Wissenschaftler, die Jahre ihres Lebens, Schweiß und Tränen in ihre Doktorarbeit investieren. Er verspottet die gesamte Bevölkerung, die er für so dumm verkaufen will, dass sie ihm sein Märchen abnehmen von den vielen Computern und den 80 Datenträgern, die angeblich schuld am verschweigen so gut wie jeder Quelle in seiner Doktorarbeit waren.

Die acht Monate in den USA haben also offenkundig bei Guttenberg nicht zu der Einsicht geführt, dass es bei einem Neuanfang nicht auf eine gute Medienstrategie, sondern auf eine moralische Neuerung durch ein umfassendes Eingeständnis der eigenen Schuld ankommt.

Er habe vieles richtig und manches falsch gemacht im Leben, sagt er der Zeit. Das könnte man auch die Untertreibung des Jahrhunderts nennen. Von Reue keine Spur. Die kürzest mögliche Abkehr von der deutschen Politbühne sollte einzig und allein dazu dienen, Gras über die Geschichte wachsen zu lassen und das Comeback vorzubereiten.

Guttenberg baut darauf, dass das Gedächtnis des geprellten und belogenen Wahlvolks kurz und der Mangel an charismatischen Politikerfiguren in Deutschland groß ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten Monate ihn eines besseren belehren. Politiker, die ihr eigenes Fortkommen über Volkes Wohl stellen, die sich in Wort und Tat nur vom Machtkalkül und nicht von moralischen Überzeugungen leiten lassen, haben wir in Deutschland nämlich schon genug.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Leitartikel

Deutschland braucht eine Justizreform

Von  |
Deutschlands Justiz benötigt dringend einen Reform- und Modernisierungsschub, meint der FR-Autor in seinem Leitartikel.

Die deutsche Gerichtsbarkeit hat zuletzt viel Vertrauen verspielt. Es braucht eine Justizreform, um die Bürger von ihrer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu überzeugen. Der FR-Leitartikel. Mehr...

Edathy-Affäre

Ein Skandal mit vielen Facetten

Gegen eine Geldauflage von 5000 Euro ist das Kinderporno-Verfahren gegen Edathy eingestellt worden.

Edathy und kein Ende: Das Skandalöse der Causa Edathy hat viele Facetten. Das banale juristische Ergebnis kann nicht überzeugen. Nun muss die politische Aufklärung folgen. Der Leitartikel.  Mehr...

Mord an Nemzow

Das Umfeld politischer Morde

Der ermordete Oppositionelle Boris Nemzow wurde nach Demonstrationen regelmäßig in Haft genommen.

Präsident Putin will die Oberaufsicht bei den Ermittlungen zum Mord am Kreml-Kritiker Boris Nemzow führen. Damit scheint sicher, dass Täter und Motiv im Dunkeln bleiben werden. Der Leitartikel. Mehr...

CDU und SPD

Große Koalition ohne Visionen

Sigmar Gabriel und Angela Merkel stehen an der Spitze einer Koalition ohne Visionen.

Die große Koalition regiert weit unter ihren Möglichkeiten – und den Notwendigkeiten. So wird ihre Regierungszeit trotz bester Rahmenbedingungen eine verlorene sein. Der FR-Leitartikel. Mehr...

Impfungen

Impfzwang ist vernünftig

Was spricht gegen die Pflicht, sich gegen Masern zu impfen?

Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo sie andere gefährdet. Was spricht also gegen die Pflicht, sich zum Beispiel vor Masern zu schützen? Die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen. Der FR-Leitartikel. Mehr...

NSU-Prozess

Verfassungsschutz am Abgrund

Volker Bouffier spielt eine merkwürdige Rolle im NSU-Skandal.

Vieles spricht dafür, dass der hessische Inlandsgeheimdienst längst vor dem Kasseler NSU-Anschlag 2006 über den rechtsextremen Hintergrund der Mordserie Bescheid wusste. Auch die Polizei muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen - und Volker Bouffier. Der Leitartikel. Mehr...

Food-Lieferservices

Klicken statt Kochen

Essen vom Lieferanten liegt im Trend.

Digitale Food-Lieferservices sind ein globaler Wachstumsmarkt. Sie wandeln Essen und seine Verteilung in abstrakte Datensätze um. Die Frage, wer es wo und aus was zubereitet hat, verstummt aber zusehends. Mehr...

Schwarzfahrerei

Strafe muss nicht sein

Heute wird immer häufiger elektronisch kontrolliert.

Ärgerlich, dass bisher alle Versuche gescheitert sind, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren und zur Ordnungswidrigkeit herunterzustufen. Den Steuerzahler kostet das viel Geld.  Mehr...

Leitartikel

Libysches Risiko

Vergeltung mit Luftschlägen gegen Stellungen des "Islamischen Staats": Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi.

Eine große Militärintervention in dem zerrissenen Land würde dem Islamischen Staat scharenweise neue Kämpfer in die Arme treiben. Die Welt muss es mit Befriedung versuchen. Mehr...

Europapolitik

Das Signal von Athen

Es gibt viele Baustellen in Griechenland, auch an der Akropolis.

Der Wahlsieg der griechischen Linken hat Alternativen zur neoliberalen Europolitik auf die Tagesordnung gesetzt. Das erklärt die Wutausbrüche ihrer unbelehrbaren Fahnenträger. Mehr...

Anzeige