Niemand muss hungern oder frieren. Armut ist relativ im Wohlstandsland Deutschland. Aber wer wissen will, wo diese relative Armut wohnt, braucht keinen Navi. Er muss nur den Farbschattierungen folgen. Rot der Osten, je nördlicher, desto dunkler. Gelb der Süden, je südlicher, desto sonniger. Ein klarer Rotstich nun aber auch im Nordwesten - es ist eine Landkarte der besonderen Art, die der Paritätische Wohlfahrtsverband mit seinem Armutsatlas vorlegt.
Neu ist die Erkenntnis nicht, dass die Bundesrepublik von ihrem verfassungsrechtlichen Anspruch auf Schaffung "gleichwertiger Lebensverhältnisse" in allen Landesteilen weit entfernt ist. Auch dass es Kreise gibt, die traditionell als Armenhäuser gelten, wissen wir längst. Neu ist eher, wie scharf die Kanten sind im Wohlstandsgefälle einer mobilen Republik. "Nur" jeder Zehnte im Schwabenland lebt unterhalb der Armutsgrenze. In Mecklenburg-Vorpommern ist es jeder Vierte und selbst in Bremen jeder Fünfte. Arm sein ist in diesen Regionen kein Zufallsindikator mehr. Es wird zum kollektiven Lebensgefühl mit großem Hang zur Vererbbarkeit.
Das regionale Wohlstandsgefälle wird Deutschland daher kaum in die Zerreißprobe treiben. Die geografische Ballung von Armut wird eher dazu führen, dass sich Menschen nicht mehr zu Hause fühlen können - nicht dort, wo sie wohnen. Und nicht in einer Gesellschaft, die diese Ungleichheit als gottgegeben hinnimmt und durch staatliche Fehllenkungen und Unterlassungssünden sogar verschärft. Für die Demokratie ist solch schleichende Implosion nicht minder bedrohlich als eine Zerreißprobe. Für die Politik ist der Armutsatlas daher ein Armutszeugnis erster Güte.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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