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Kommentar: Schlimmer als Mixa

Der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn betreibt eine infame Attacke auf den politischen Gegner. Was Hahn über die SPD, Grüne und Odenwald behauptet hat, will er nun so gar nicht gesagt haben. Dann hat er jezt Gelegenheit zur Gegenprofilierung. Von Joachim Frank

Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Joachim Frank ist Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR/Kraus

So weit daneben gelangt hat noch nicht einmal Bischof Mixa. Und der wollte wenigstens den eigenen Laden, die katholische Kirche, aus der Schusslinie bringen, als er behauptete, die sexuelle Revolution der 68er sei "nicht unschuldig" an sexueller Gewalt gegen Kinder.

Selbst die eigenen Leute haben dem Ablenkungsmanöver des Augsburger Oberhirten heftig widersprochen. Was aber nun Jörg-Uwe Hahn treibt, ist - in der Zitation des Berliner "Tagesspiegels" - nur mehr eine infame Attacke auf den politischen Gegner: SPD und Grüne hätten in den 80er und 90er Jahren in der Gesellschaft "ein Klima geschaffen, das erst den Boden für solche Vorkommnisse bereitet hat".

Hahn behauptet nun, dies nicht gesagt, geschweige denn zur Veröffentlichung freigegeben zu haben; seine Interviewerin beharrt allerdings auf wortgetreuer und sachgerechter Wiedergabe des Gesprächsinhalts. Sollte sich Hahn also so geäußert haben, wirkte eine solche Schein-Analyse nach all den Debatten über Ursachen sexueller Gewalt gegen Kinder, über begünstigende Faktoren wie geschlossene soziale Strukturen, Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, als hätte sich da jemand in den vergangenen Wochen auf einer einsamen Insel befunden, abgeschnitten von jeder Information und Lektüre.

Die parteipolitische Instrumentalisierung verhöhnt - hier passt das Wort - die Opfer. Denn in der Melange aus Unterstellung, Ressentiment und Kolportage kommt es auf das Leid überhaupt nicht mehr an, das Kindern und Jugendlichen an verschiedenen Orten widerfahren ist, ob in kirchlichen Internaten, Reformschulen oder (weitaus am häufigsten) in ihren Familien. Ausgerechnet ein liberaler Politiker, der von seinen Grundprinzipien her die Verantwortung des Einzelnen für das eigene Handeln betonen müsste, zieht ein diffus-anonymes "Klima" heran - eigentlich der Klassiker, mit dem die Täter sich entlasten: Nicht ich bin schuld, sondern die Gesellschaft.

In diesem Fall ist das Argument obendrein auch sachlich mehr als fragwürdig. Zur Stütze mag Hahn auf den Ex-Kultusminister Hessens, Hartmut Holzapfel verweisen. Der SPD-Politiker soll Ende der 90er Jahre von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule erfahren haben, aber nicht eingeschritten sein. Abgesehen davon, dass Holzapfel dies bestreitet, sollte es bei einem Mindestmaß an redlichem Vorgehen ausgeschlossen sein, daraus gleich ein rot-grün grundiertes "Klima des Missbrauchs" zu konstruieren.

Und auch der Hinweis auf - inzwischen bis zur Erschöpfung zitierte - Daniel Cohn-Bendits autobiografische Prosa oder auf randständige Positionspapiere aus dem Umfeld der Grünen läuft ins Leere, weil in den Angriff auf Rot-Grün noch die 90er Jahre einbezogen sind. Am Ende dieser Dekade regierten SPD und Grüne seit zwei Jahren in Berlin und betrieben unter der Ägide von Familienministerin Christine Bergmann (SPD) entschieden den Kampf gegen Kindesmissbrauch.

Als Kombattant in diesem Feldzug würde sich der Minister für - Achtung! - Justiz des Landes Hessen sicherlich besser ausnehmen denn als windiger Zeitgeist-Interpret. Nach den angeblich fälschlich verbreiteten Zitaten hat er Gelegenheit zur Gegenprofilierung.

Autor:  Joachim Frank
Datum:  8 | 4 | 2010
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