Was am Neuenhainer See in Nordhessen geschehen ist, ist erschütternd. Neonazis greifen schlafende Jugendliche an, ja erschlagen fast ein Kind - nur weil es Linke sind. Doch was erschreckt, ist nicht nur die Gewalt. Es ist auch die Tatsache, dass die überfallenen Camper der Linksjugend eine derartige Attacke regelrecht erwarten mussten. Sie wussten, dass sie sich auf einen Angriff von rechtsaußen einzustellen haben, wenn sie im Schwalm-Eder-Kreis - einem ganz normalen Landstrich mitten in Deutschland - ein antifaschistisches Zeltlager organisieren. Berichte über Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen Nazi-Gegner in der Region hatte es vorher schon zuhauf gegeben. Politik und Polizei aber hat das vor dem Überfall von Neuenhain offenbar kaum alarmiert.
So wenig sogar, dass sie auch nach der Attacke in die übliche Beschwichtigungsroutine verfielen: kein organisierter Rechtsextremismus, keine braune Hochburg, alles nur Einzelfälle. Landrat Neupärtl mag recht haben, wenn er seinem Kreis bescheinigt, kein größeres Rechtsextremismus-Problem zu haben als andere Kommunen im Land. Nicht nur hier gibt es Neonazis, nicht nur hier organisieren sie sich, nicht nur hier ist ihre Ideologie menschenverachtend und gewalttätig. Die Schwalm, so könnte man in Anlehnung an einen Slogan der Atomkraftgegner sagen, ist überall. Das aber darf keine Ausrede sein, den Kampf gegen rechts nicht auch am Ort aufzunehmen und den Schulterschluss mit all jenen zu suchen, die Feinde des Rechtsextremismus sind. Ein Problem mit Neonazis zuzugeben, gereicht einer Kommune nicht zur Schande. Schlimm wird es erst, wenn sie es kleinzureden versucht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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