Irgendwie passen die Bilder nicht recht zusammen. Tagelang flogen zwischen Berlin und Ankara die Fetzen. Der türkische Ministerpräsident Erdogan beklagte "Hass" gegen sein Land, und Kanzlerin Merkel konnte sich den Hinweis nicht verkneifen, die Türken in Deutschland müssten die Gesetze des Gastlands beachten. Nach dem zweitägigen Besuch der deutschen Regierungschefin am Bosporus ist davon keine Rede mehr. Im Gegenteil loben beide Seiten die freundschaftliche Atmosphäre.
Der plötzliche Stimmungswandel kann zwei Ursachen haben: Entweder waren die Gespräche sensationell erfolgreich. Oder zuvor wurde ein Popanz aufgebaut, der nun zügig abgeräumt wird. Viel spricht für die zweite These. Weder Erdogan mit seiner Forderung nach türkischen Schulen in Deutschland noch Merkel mit ihrem Ruf nach einer "privilegierten Partnerschaft" der Türkei in der Europäischen Union haben in der Sache neue Positionen formuliert. Beide wussten aber, welche Wirkung die Reizthemen haben würden. Und beide sind übertrieben hart auf die Vorlage der anderen Seite eingestiegen.
Die Motive sind jeweils innenpolitisch. Das Projekt einer Integration der wirtschaftlich dynamischen Türkei in die EU ist aber angesichts der geopolitischen Herausforderungen im Iran und im Nahen Osten viel zu wichtig, als dass Wahlkämpfer es für kurzfristige Ziele instrumentalisieren dürfen. Merkel hat bei ihrer Reise viele positive Eindrücke gewonnen. Es wäre nun an der Zeit, dass sie den Bundesbürgern diffuse Ängste vor einem EU-Beitritt nimmt, der ohnehin in diesem Jahrzehnt nicht ansteht, und gegenüber der Türkei zu einem längst gegebenen Versprechen steht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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