Die Verurteilung des Nationalsozialismus, die Solidarität mit den heute wieder in Deutschland lebenden Juden, auch die Unterstützung der Politik Israels - Staatsraison in diesem Land. Bundespräsident und Bundestagspräsident haben daran keinen Zweifel gelassen in ihren Reden beim Staatsakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Berliner Abiturientinnen haben zu Tränen rührende Texte von Kindern vorgetragen, die Leid und Terror der Konzentrationslager ertragen mussten. Eine würdige Veranstaltung - wie jedes Jahr, seit Roman Herzog 1996 diesen Gedenktag einführte, am 27. Januar, wenn sich die Befreiung des KZ Auschwitz jährt.
Umso mehr muss aufhorchen lassen, wenn die Veranstaltung in diesem Jahr durch einen Misston getrübt wird. Die Spitze des Zentralrats der Juden hat daran, zum ersten Mal, nicht teilgenommen. Man habe sich nicht noch einmal der Situation aussetzen wollen, nicht begrüßt zu werden, begründete Generalsekretär Stephan Kramer diesen demonstrativen Schritt. Außerdem beklagt er einen wachsenden Antisemitismus auch "in der Mitte der Gesellschaft".
Die Repräsentanten der Juden in Deutschland haben das Protokoll des Staatsakts bislang hingenommen. Wenn sie es nicht mehr tun, zeigt das: Die Nerven liegen blank. Das muss zu denken geben, jenseits der Frage, ob es angemessen oder auch nur geschickt ist, die Frage der Begrüßung bei einer Feier zum Politikum zu machen. Am Charakter der Feier und der Einstellung der Repräsentanten dieses Staates gibt es keinen Zweifel. Aber offenbar auch Gesprächsbedarf - und beim nächsten Mal eine Begrüßung. Was spricht dagegen?
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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