Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

02. März 2012

Kommentar: Vertrauen in Organspende mit Transparenz schaffen

 Von 
Gesundheitsminister Daniel Bahr mit Organspendeausweis.  Foto: dpa

Die Bundesparteien wollen die Zahl der Organspender mit regelmäßiger Infopost erhöhen. Offene Diskussionen und Transparenz hält unser Autor jedoch für hilfreicher, um mehr Menschen von der Organspende zu überzeugen.

Drucken per Mail
Berlin –  

Da loben sie sich also mal wieder selbst. Monatelang haben die sechs Bundestagsparteien darüber verhandelt, wie die Zahl der Organspender erhöht werden kann, aber das Ergebnis ist mager. Wenn künftig regelmäßig Post von der Krankenkasse mit Aufklärungsmaterial nach Hause kommt, kann der Einzeln das Ganze genauso in den Mülleimer wandern lassen wie irgendeine Werbung. Die Zahl derjenigen, die auf Grund der nun geplanten Schreiben am Ende ein Ja auf einem Organspendeausweis ankreuzen, dürfte sich in Grenzen halten. 

Was fehlt, ist ein zumindest sanfter Druck, um mehr Menschen für die Organspende zu gewinnen. Jeder Mensch sollte gezwungen sein, sich mit der Frage auseinanderzusetzen. Denn jeder Mensch könnte in die Lage kommen, ein Spenderorgan zu benötigen. Und spätestens dann werden selbst diejenigen, die eine eigene Spende bisher ablehnten, gern auf die Hilfe anderer zurückgreifen. 

Eine Lösung, die in Frage kommt, wäre die Widerspruchslösung: Jeder Mensch ist Spender, solange er nicht widerspricht. Das erhöht den Druck, sich mit der Frage der eigenen Spendenbereitschaft zu beschäftigen, jedoch anders als vielleicht vermutet nur gering. Das Beispiel Spanien zeigt, dass trotz der Widerspruchslösung letztlich doch wieder die Familie  darüber entscheiden (muss), ob der Angehörige  als Spender in Frage kommt. Die Zahl der tatsächlich in Frage kommenden Spender ist daher nicht wesentlich höher als in Deutschland. 

Wer nicht spenden will kommt später dran

Es gibt eine weitere Möglichkeit , die jedoch auf den ersten Blick brutal aussieht: Wer kein Spender sein will, bekommt dann, wenn er selbst auf ein Organ angewiesen ist, ein Malus auf der Warteliste. Das wäre eine saubere Lösung, die jeden zwingen würde, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und im Zweifel eher das Ja anzukreuzen. Diese Variante hätte aber auch für diejenigen einen Vorteil, die aus religiösen oder anderen Gründen selbst nicht spenden wollen. Denn wer eine Organspende für sich ausschließt, nimmt durch die Malus-Regelung Nachteile in Kauf und muss sich damit nicht mehr für seine Entscheidung rechtfertigen. Das hätte in der Gesellschaft auch eine befriedende Wirkung. 

Was bei dem nun gefundenen Kompromiss jedoch vor allem fehlt, ist eine offene Diskussion über die Fragen, die  sich viele Menschen stellen: Bin ich wirklich tot, wenn die Ärzte den Hirntod feststellen? Ist der Hirntod überhaupt das richtige Todeskonzept? Habe ich eine schlechtere Überlebenschance, wenn die Ärzte wissen, dass ich Organspender bin? Warum werden die Kriterien für die Vergabe von Spenderorganen und das gesamte Procedere in die Hand von Akteuren (Bundesärztekammer, Deutsche Stiftung Organtransplantation, Eurotransplant) gelegt, die demokratisch nur unzureichend legitimiert sind und intransparent arbeiten?  Warum legt nicht der Bundestag alle Einzelheiten fest, die die Organspende betreffen? 

Solange Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden, die fast vollständig der rechtsstaatlichen Aufsicht und Kontrolle entzogen sind, werden die Menschen zweifeln.  Nur durch Transparenz und Information kann Vertrauen geschaffen werden. Das ist unabdingbare Voraussetzung dafür, mehr Menschen für die Organspende zu gewinnen.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

 

 

 

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

EU-Parlamentspräsident

Ausgerechnet Tajani

Von  |
Im EU-Parlament umstritten: Antonio Tajani

Ließ sich unter den 751 Europaabgeordneten kein besserer Kandidat finden? Das ist traurig. Ebenso wie die Aussicht, dass das Straßburger Plenum in Selbstreflexion zu versinken droht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Angriff auf den Wohlstand

BMW-Produktion in Dingolfing (Bayern).

Mit ihrer Abschottungspolitik gefährden Theresa May und Donald Trump die internationale Kooperation und den wirtschaftlichen Erfolg hiesiger Firmen. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung