Dominik Brunner hat nicht als Held gelebt, und er ist nicht als Held gestorben. Er hat sich couragiert vor vier Kinder gestellt und sie vor Gewalt beschützt, der er dann selbst zum Opfer fiel. Das Landgericht München hat einen der beiden angeklagten Täter wegen Mordes verurteilt und mit neun Jahren und zehn Monaten den Strafrahmen fast ausgeschöpft. Sofort hieß es, das sei ein hartes Urteil, die Verteidigung kündigte an, in Revision zu gehen. Doch war ein milderes Urteil in diesem Fall nicht zu erwarten und wäre auch kaum zu vertreten gewesen.
Bemerkenswerter als der Schuldspruch ist seine Begründung. Sie verzichtete darauf, Brunner als Held zu idealisieren, ebenso wie sie der Versuchung widerstand, die Angeklagten als Monster zu verklären. So hatten die Medien von Anfang an die Rollen verteilt. Im Prozess ergab sich ein anderes Bild. Die Biografien der Angeklagten zeigten zwei Gestalten, für die Vereinsamung, Lieblosigkeit und Gewalt zu den frühesten Kindheitserfahrungen zählten.
Der Mensch der Gegenwart gefällt sich darin, solche Nachrichten aus dem Leben angeklagter Gewalttäter als kalkuliertes Geschwätz der Verteidigung oder als Gutmenschen-Gerede abzutun. Aber wie sollen wir Verbrechen verstehen, wenn wir vom Verbrecher nichts wissen wollen? Die Ermordung Brunners ist durch nichts zu entschuldigen, aber der Gewaltexzess ist nur zu fassen, wenn die Ursachen des Hasses bekannt sind, der zum Ausbruch kam.
Das Gericht hat sorgfältig gearbeitet und im Prozess die Lebensräume der Angeklagten ausgeleuchtet – Biotope der Zerstörung und der Selbstzerstörung.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.