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18. Februar 2011

Kommentar zu Guttenberg: K.o. nach Gutsherrenart

 Von 
FR-Chefredakteur Joachim Frank.

Karl-Theodor zu Guttenberg, der Meister der feinen Etikette, schlingert durch die Plagiats-Affäre. Die Welt der eigenen Ideale, Werte und Tugenden spricht das Urteil gegen ihn.

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Ein Spitzenpolitiker, der an einem einzigen Tag gleich dreimal so unglaublich danebenlangt wie Karl-Theodor zu Guttenberg, der kann sich alle gegenteiligen Beteuerungen sparen: Er schlingert, er hängt in den Seilen, er ist angezählt. In solchen Situationen wirft am Ring der besorgte Trainer schon mal das Handtuch, weil der geschlagene Boxer selbst nicht mehr Herr seiner Sinne ist und lieber mit Gewalt weiterkämpfen würde, auch wenn der K.-o.-Schlag droht. Aber Guttenberg hat keinen Coach, und noch hört er offenbar lieber auf den Jubel der Claqueure, die ihm zurufen, er möge sich schleunigst aufrappeln.

In der Plagiats-Affäre hat der Minister der Verteidigung erst einmal das Weite gesucht und ist nach Afghanistan geflogen. Gewiss, gewiss, das ist seines Amtes. Aber schon deshalb war es auch eine Symbolhandlung. Guttenberg wollte die größtmögliche Fallhöhe markieren zwischen seiner gewaltigen politischen Verantwortung und diesem kleinlichen akademischen Getue um so etwas buchstäblich Marginales wie Fußnoten in einer Doktorarbeit.

Welt seiner Ideale urteilt über ihn

Zwischen diesen beiden Extremen sieht er sich von seinen Kritikern auf unverhältnismäßige und wohl auch ungerechte Weise zerrissen. Hätte er sonst die Unverfrorenheit besessen, am Ende seiner dürren Erklärung zu den Plagiatsvorwürfen auf den Tod eines Bundeswehrsoldaten am gestrigen Freitag in Afghanistan anzuspielen und weitere Erklärungen vorsorglich mit der Bemerkung abzuwimmeln, er müsse sich „mit voller Kraft um sein Amt kümmern“? Auf diese rhetorische Finte hat er mehrmals zurückgegriffen – immer mit dem unverhohlenen Appell an das Anstandsgefühl der Opposition: Diese möge doch keine Schaukämpfe mit dem Minister führen, während deutsche Soldaten in echten Kämpfen sterben. Damit war Guttenberg schon in Bundestagsdebatten über Kundus hart an der Grenze der Stillosigkeit. Diesmal hat er sie weit überschritten.

Nicht weil irgendjemand bestreiten würde, dass Sterben in Afghanistan und Schummeln an der Uni tatsächlich inkommensurable Größen sind. Guttenberg aber spekuliert auf menschliche Betroffenheit, um damit von höchstpersönlichen Peinlichkeiten abzulenken. Und das ist – unanständig. Es ist zudem eine Suggestion. Guttenberg tut so, als hätten die fragwürdig zusammengeklaubten Passagen seiner Dissertation nun gar nichts mit seiner Position zu tun. Er mag sich in dieser Sicht der Dinge von Leserbriefen und Kommentaren bestätigt fühlt, die den glanzvollsten Stern am Parteienhimmel nicht verdunkelt sehen wollen. Dabei ist es doch Guttenberg, der allenthalben auf Moral pocht oder sich darin sonnt, mit geschliffenem Umgang und feiner Etikette als Inbegriff des Menschen zu wirken, der edel sei, hilfreich und gut.

Damit hat sein jetziges Verhalten wenig zu tun. Schon eher mit Gutsherrenart. So lässt er gnädig verlauten, den Doktortitel ruhen zu lassen, „vorübergehend, ich betone, vorübergehend“. Und er dekretiert, dass er zur Causa von nun an nur noch mit der Universität Bayreuth kommunizieren werde. Da hat er sich schwer getäuscht! Und durchgehalten hat er diese Privat-Nachrichtensperre keinen halben Tag; er musste sich bei der Hauptstadt-Presse dafür entschuldigen, nur mit „ausgewählten“ Journalisten gesprochen zu haben. Abgesehen vom höchst eigenwilligen „Eliten“-Verständnis in dieser Form von Krisenkommunikation, ist Guttenbergs nachgeschobene Erklärung ein weiterer Ausdruck für Hybris im Amt: Bei seinen vielen Terminen könne es zu Unschärfen in der Abfolge kommen. Wer, bitte schön, soll diese Version glauben, nachdem das Kanzleramt den Vormittag lang die Erwartung einer Stellungnahme Guttenbergs geschürt hatte?

Wenn Guttenberg vor lauter Terminen wieder Gelegenheit haben sollte, in sich zu gehen, müsste ihn – fast mehr als alles andere – die Tatsache nervös machen, dass die üblichen weltanschaulichen Freund-Feind-Schemata in der Plagiats-Affäre verschwimmen und für den (Selbst-) Verteidigungsminister damit auch nicht mehr zur Attacke taugen. Nicht „linkslastige Juristen“, die sich mit spitzer Nase über seine wissenschaftlichen Elaborate gebeugt haben, oder linke Medien sprechen ihm politisch und menschlich das Urteil. In Wahrheit ist es die Welt jener Ideale, Werte und Tugenden, als deren Repräsentant sich Guttenberg selbst bisher verstanden oder zumindest inszeniert hat. Sein Versuch, Sein und Schein zu einer halbwegs akzeptablen Schnittmenge zu bringen, hat vorerst jedenfalls das gegenteilige Ergebnis.


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