Am heutigen Montag erklärt der Verteidigungsminister der obersten evangelischen Christin den Krieg. Man kann den Gesprächstermin, den Karl-Theodor zu Guttenberg und Margot Käßmann gefunden haben, für eine geschmeidige wie kluge Reaktion des Politikers auf die öffentliche Kritik der Pastorin halten, die für die Afghanistan-Passage in ihrer Neujahrsansprache von Koalitionären hart angegangen wurde und wird. Man kann vermuten, dass der Minister auf eine Sprachregelung nach dem Privatissimum hofft, wonach man in der Sache nicht gleicher Meinung, aber doch dicht beieinander sei.
Aber selbst dann wäre die Dissonanz nicht aus der Welt, weil ihr Echo weiterklingt, und das dröhnt Guttenberg in den Ohren. Das müssen vor allem jene Politiker und Militärs fürchten, die noch mehr Soldaten in das ferne, fremde Land schicken, die sich nicht festlegen wollen auf einen Abzug der Truppen, zumindest nicht auf einen zeitlichen Rahmen.
Das Grundgefühl, auf der Intervention in Afghanistan ruhe kein Segen und damit auch nicht auf dem deutschen Part des Einsatzes dort, breitet sich weiter aus in Deutschland, wie Meinungsumfragen zeigen. In den vergangenen Jahren schwankte der Grad der Skepsis gegenüber der "Mission", lag aber meist über 50 Prozent. Im jüngsten Votum aus der vergangenen Woche sprechen sich 71 Prozent für einen schnellen Abzug deutscher Soldaten aus, mehr als je zuvor. Wobei es im übrigen Ausweis von politischer Sensibilität ist, dass das Erschrecken nicht nur steigt, wenn deutsche Soldaten sterben, sondern auch, wenn es Einheimische trifft, wie bei dem Tanker-Bombardement nahe Kundus.
Die Kritiker der EKD-Ratsvorsitzenden denken auch an die Umfragen, wenn sie ihr Populismus vorwerfen. Einer wie der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz redet dabei über einen anderen Mehrheitsbegriff. Nach einer Präzisierung Käßmanns, sie habe nie den "sofortigen" Abzug gefordert, sagt er, nun ähnele ihre Position wesentlich mehr dem, "was auch die Mehrheit des Deutschen Bundestages für richtig hält". Die aber ist womöglich eine andere als die der Bundestagswähler.
Abwegig, ja unverfroren
Käßmann wird seit Beginn des neuen Jahres einen Tag um den anderen für etwas gescholten, was als Anliegen vieler Christen gelten darf. Es ist das neue Amt, das den Worten der Landesbischöfin jenes Gewicht verleiht, das ihre Kritiker nervös macht. Wenn schon die EKD-Ratsvorsitzende von der Kanzel aus die Weisheit der politischen Obrigkeit in diesem Fall in Frage stellt, ist es kein Wunder, wenn die Gemeinde vom Glauben abfällt, dass der Westen den Afghanen seit mehr als acht Jahren zu Freiheit und Demokratie verhilft und die Wurzeln des Terrorismus dort mit Stumpf und Stiel ausrottet. Dies umso mehr, als das jüngste Attentat auf das Flugzeug über US-amerikanischem Boden ohne Afghanistan-Bezug ist. Längst wussten Beobachter islamistischer Netzwerke, dass neue, aggressive Triebe andernorts aus dem Boden sprießen, im Jemen etwa oder Somalia. Nach der Logik der Falken müssten jetzt Truppen gen Jemen in Marsch gesetzt werden.
Die Forderung, Käßmann möge sich beim Thema Afghanistan mäßigen oder gar schwiegen, ist abwegig, ja unverfroren. Die Bewahrung des Friedens gehört zur Grundsubstanz christlicher Religionsgemeinschaften; wer sich dazu öffentlich verhält, gerät automatisch auf politisches Feld. Die EKD, die Kirchen würden zu Recht gescholten, hielten sie sich zurück.
Das Bemühen, die Kämpfe in Afghanistan sprachlich einzuhegen und ihnen damit eine gültige Definition verleihen zu wollen, mag aus rechtlichen Gründen von Belang sein. Politisch wird es grotesk, wenn der Streit darum geht, ob ausländische Soldaten, inländische Aufständische, in- und ausländische Unbeteiligte in einem "friedenserzwingenden Einsatz", in einem "nicht-internationalen bewaffneten Konflikt" oder einem "Krieg" ihr Leben lassen.
Die EKD-Ratsvorsitzende Käßmann hat die diplomatischen Verbrämungen weggelassen. Und sollte sie nur in der Debatte, die sich in den Details des deutschen Einsatzes am Hindukusch verliert, auf Grundsätzliches verwiesen haben, so ist das schon ein erfreulicher Beitrag im Vorfeld der Afghanistan-Konferenz Endes des Monats. Bei der übrigens soll es, wenn man den Einlassungen von Außenminister Guido Westerwelle (Stichwort: Truppenstellerkonferenz) und vielen anderen folgt, auch um Abzug gehen. Man nennt das nur anders: "Exit-Strategie".

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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