Tun wir mal so, als hätte es die 20 Prozent bei der Europawahl nicht gegeben. Tun wir auch so, als läge der Arbeitsplatz von Frank-Walter Steinmeier nicht an der Seite von Angela Merkel, sondern im Oppositionstrakt des Bundestages. Blenden wir also all die ärgerlichen Widrigkeiten mal aus und verschanzen wir uns gedanklich im Berliner Parteitags-Saal der SPD, dann können wir nur sagen: Gut gesprochen, Herr Kanzlerkandidat! Hier war er, der gelungene Auftritt. Hier war sie, die Kampfansage an die Prediger der sozialen Blindheit. Hier fand sie statt, die Eröffnung eines Richtungs-Wahlkampfes um echte Alternativen für unser Land.
Dass Steinmeier, politisch gestutzt auf Miezekatzen-Niveau, dennoch wie ein Löwe kämpft - das wird als Botschaft auch nach draußen dringen. Doch die Frage bleibt, wie lange die Lautstärke der Kampfesrufe reicht, um störende Nebengeräusche aus dem Reich der politischen Wirklichkeit auszublenden.
Zum Beispiel den ewigen Zwang zum Kompromiss in der großen Koalition (den man allein mit dem Mantra des "Ohne uns wäre alles noch schlimmer" nicht beschönigen kann). Zum Beispiel die Partei-Linke, die zurecht daran erinnert, dass man schöne Gerechtigkeitsversprechen auch konkretisieren könnte (Stichwort Vermögensteuer). Zum Beispiel die ungreifbare, fast unangreifbare Kanzlerin. Zum Beispiel die - auch durch eigenes Verschulden - fehlende Perspektive auf eine Mehrheit zum Regieren.
Diesen Problemen wird Steinmeier im Wahlkampf nicht ausweichen können. Immerhin: Er ist mutig gestartet. Eine Chance aber hat er nur, wenn er unterwegs nicht wieder die Richtung verliert.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
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