Vor einem Jahr erschoss ein 17-Jähriger in Winnenden 15 Menschen, danach sich selbst. Tathergang und Lebensumstände des Jugendlichen sind rekonstruiert. Ein Sonderausschuss des baden-württembergischen Landtags interessierte sich ein Jahr lang für "Kausalketten", die zu einem solchen Blutbad führen: Erniedrigung, Verletzung, gärende Rache, erweiterter Suizid.
Ein Jahr nach dem Amoklauf fehlt es nicht an Erkenntnissen. Woran es allerdings mangelt, sind politische Konsequenzen. Eigentlich gab es nur zwei: Die Altersgrenze für das Schießen mit großkalibrigen Waffen wurde von 14 auf 18 Jahre heraufgesetzt. Und die Polizei kann nun anlassunabhängig Waffenbesitzer kontrollieren - wenn sie das Personal dafür hat. Und sonst? Appelle und Mahnungen an Elternhäuser, Lehrer oder Spiele-Hersteller. Bundespräsident Horst Köhler will die Amok-Prävention bei den Medien abladen, weil Täterberichte Nachahmer animierten.
Es stimmt: Amokläufe geschehen nicht spontan. Weggefährten könnten bei genauem Hinsehen den Leidensdruck eines Jugendlichen erkennen. Doch am Ende ist es eben der Zugang zu Waffen, der aus einem Plan schreckliche Wirklichkeit machen kann. Zur härtesten Konsequenz aus dem Amoklauf, den privaten Besitz großkalibriger Waffen zu verbieten, konnte sich die deutsche Politik nicht durchringen. Sie knickte - anders als England nach der Amoktat von Dunblane - schmählich ein vor einer bestens aufgestellten Waffenlobby. Und schickt sich schon wieder an, die Gesetze zu lockern. Vor diesem Hintergrund bekommen die einfühlsamen Reden von Winnenden einen schalen Beigeschmack.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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