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Kommentar zum Bartsch-Rückzug: Gnadenlos rausgemobbt

Dietmar Bartsch, zuletzt selbst von seinem alten Weggefährten Gregor Gysi fallen gelassen, gibt auf - aber das Ende der Machtkämpfe bei der Linkspartei ist das nicht. Im Gegenteil: Es geht erst richtig los. Von Stephan Hebel

Parteichef der Linken Oskar Lafontaine und der bisherige Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch.
Parteichef der Linken Oskar Lafontaine und der bisherige Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch.
Foto: ddp

Eines muss man der Linken lassen: Sie ist eine durch und durch etablierte Partei - zumindest was die gelegentliche Gnadenlosigkeit im Umgang miteinander angeht. Dietmar Bartsch wäre also durchaus qualifiziert, Frank-Walter Steinmeiers Angebot anzunehmen und zur SPD zu wechseln. Dort würde er auch ganz sicher und unumstritten zu den Partei-Linken zählen.

Bartsch wird das nicht tun. Jedenfalls nicht, solange der Machtkampf in seiner Partei nicht entschieden ist. Und das ist er keineswegs, im Gegenteil. Der Bundesgeschäftsführer, zuletzt gemobbt sogar von seinem alten Weggefährten Gregor Gysi, dürfte nicht das letzte Opfer gewesen sein. Und andere werden nicht so weich fallen wie er, dem Gysi postwendend einen Vize-Posten in der Fraktion anbot.

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

"Von geistiger Weite geprägt" sein solle die innerparteiliche Programmdebatte, hat sich Spitzenstratege Bartsch zum Abschied gewünscht. Und er weiß, wovon er redet - war er doch jahrelang der umtriebige Verwalter im Hintergrund, wenn Gysi dem eigenen Laden ein Mindestmaß von intellektueller Offenheit beizubiegen versuchte: Offenheit zwischen Ost und West; Offenheit für die Überprüfung ideologischer Glaubenssätze anhand neuer Entwicklungen der Gesellschaft; Offenheit im Umgang - und womöglich Koalitionen! - mit Andersdenkenden.

Der Grund, aus dem Gysi nun ausgerechnet diesen treuen Weggefährten fallen ließ, hat vor allem einen Namen: Oskar Lafontaine. Der ist für Offenheit gegenüber Andersdenkenden nicht gerade berühmt, und er wollte ganz offensichtlich nicht mehr mit Bartsch. Seine Rückkehr - wenn die Gesundheit sie denn erlaubt - stand in Frage. Und Gysi wusste, dass sein Traum vom langen Leben einer Partei links von der SPD sich vorerst nicht erfüllen lässt ohne das westliche Zugpferd Lafontaine.

Kleines Problem: Mit Lafontaine womöglich auch nicht. Der Saarländer ist ja nicht nur Zugpferd. Er ist auch vollkommen ignorant gegenüber den Schritten zur "geistigen Weite", die Gysi und Co. schon mit der PDS gegangen sind und die die Partei erst vom Nostalgieverein zur ernstzunehmenden politischen Kraft gemacht haben. Sie - auch Bartsch - hatten bis zur Vereinigung mit der WASG das Kunststück geschafft, realistisch und regierungsfähig zu werden, ohne das Protest-Potenzial in der Wählerschaft zu vernachlässigen. Protest-Polterer Lafontaine dagegen ist zwar mindestens ebenso Machtmensch wie Gysi, im Ton allerdings gibt er sich gern so wütend, dass er zwar ohnehin Gleichgesinnte begeistert, aber viele andere - selbst potenzielle Freunde - verschreckt.

Mit welchem Programm und in welchem Ton die Linkspartei versucht, zum Dauerbrenner zu werden, ist volllkommen unentschieden. Sollte sich Gysi allerdings demnächst auch noch einen Bartsch-Nachfolger nach Lafontaines Gusto aufzwingen lassen, dann hätten sie die "geistige Weite" schon verloren, bevor die Programmdebatte richtig beginnt. Und dann erst könnte sich die SPD Hoffnung machen, die in die Linkspartei geflüchteten Sozialdemokraten zurückzugewinnen - und ein paar intelligente Linke wie Bartsch dazu.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  15 | 1 | 2010
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