Mit der Bürgerbeteiligung ist das so eine Sache. Ein schönes Thema für schöne Reden und Interviews – aber wenn ein Bürger sich einfach mal ungefragt einmischt, ist es auch wieder nicht recht. „Können Sie mal das Maul halten, einfach das Maul halten?“ fährt Kurt Beck einen Münchner an, der ihn bei einem Fernsehinterview unterbricht, in dem er sich für mehr Bürgerbeteiligung ausspricht.
Dem Südwestdeutschen Rundfunk sei Dank, dass er die ungeplante Unterbrechung nicht herausgeschnitten hat, sondern den Einblick in einen der letzten Amtstage eines scheidenden Ministerpräsidenten unpoliert präsentiert. Denn sicher ist es ungehörig, einem Politiker ins Interview zu funken – und dann noch mit dem ärgerlichen Hinweis, der bayerische Steuerzahler müsse für Becks Nürburgring-Pleite blechen. Politiker müssten sich nicht alles gefallen lassen, nimmt ihn später seine Sprecherin in Schutz. Stimmt!
Zugegeben, der Zwischenrufer ist eine nervige Erscheinung. Er lässt nicht locker. Ausgerechnet ein Bayer nimmt auch noch den Namen eines heiligen Ortes der Pfalz in den Mund: Betzenberg, die Spielstätte des 1. FC Kaiserslautern. Das geht dem Ministerpräsidenten dann endgültig über die Hutschnur. Nicht „ehrlich“ wie er behaupte, sei sein bayerischer Kontrahent, sondern „dumm“. Aber dann ist es auch gut. Mit einem „Können wir noch mal, ja?“ schaltet der Routinier wieder in der Fernseh-Lächel-Modus.
Als Nachfolger von Rudolf Scharping wurde Kurt Beck (links) Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.
Foto: dpaDa ist ein Profi am Werk, der sich ganz gut im Griff hat. Aber Kurt Beck pflegt seine Ausraster. Neulich ist er in einer ZDF-Talk-Show temperamentvoll einem Piraten übers Maul gefahren. Da ging es auch um den Nürburgring. Und man wurde den Verdacht nicht los, da inszeniert sich einer als bodenständig ehrliche Haut, die es nicht verdient hat, dauernd angemistet zu werden. Das musste vor Jahren auch ein Arbeitsloser erfahren, dem er kurzerhand empfahl: „Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job.“
Ein bodenständiger älterer Herr von 63 Jahren dürfte allerdings auch das altmodische Wort „Kinderstube“ noch kennen und dort die Grundregeln des höflichen Umgangs miteinander gelernt haben. Statt des herrischen „Maul halten!“ wäre auch möglich gewesen: „Sein sie doch mal bitte still, wir reden gleich miteinander!“
Klar, dass die Debatte um das von ihm zu verantwortende Pleiteprojekt Nürburgring Kurt Beck dünnhäutig gemacht hat. Aber das ist seine Politik, die er zu verantworten hat. Wenn der Skandal den Herbst seiner Laufbahn kurz vor der Pension überschattet – Pech gehabt. An Bürgern, mögen sie noch so nervig sein, sollte er den Frust nicht auslassen.
Aber Pfälzer, gemeinhin im Ruf der Schwerfälligkeit, neigen offenbar zu Temperamentsausbrüchen. Ein noch bekannterer Landsmann ist vor Jahren sogar auf Demonstranten losgegangen, die ihn mit Eiern beworfen haben: Helmut Kohl, 1991 in Halle. Selbst mehrere Sicherheitsmänner brauchten eine Weile, um den zornigen Kanzler zu bändigen.
Wer sich die beiden Szenen auf Youtube vergleicht, wird Kurt Beck in milderem Lichte sehen: Was für ein netter, zurückhaltender, höflicher Mensch!
Joschka Fischer war nie besonders zimperlich. 1984 flippt er im Parlament aus, weil der Bundestagsvizepräsident Stücklen einen Abgeordneten von der Sitzung ausschließt. Fischers Reaktion: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!".
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