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08. Februar 2013

Kommentar zur „Katholikenphobie“: „Seid Teil dieser Welt!“

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Kardinal Joachim Meisner segnet im Kölner Dom vor der Eucharistie-Feier die Hostien mit Weihrauch. (Archiv)  Foto: dpa

Kardinal Meisner trifft mit seiner Diagnose der „Katholikenphobie“ einen wesentlichen Punkt. In der Öffentlichkeit wird die Kirche nur noch mit Skandalen in Verbindung gebracht. Ein Appell an die Religion und die säkulare Gesellschaft.

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Mit Kardinal Meisner und der „Katholikenphobie“ ist es wie mit dem Pkw-Fahrer auf der Autobahn, der im Radio die Warnung vor einem Geisterfahrer auf seiner Strecke hört. „Was?“, sagt der Mann und schüttelt den Kopf, „ein Geisterfahrer? Nicht einer, nein, Tausende!“

Es stimmt, die katholische Kirche fährt in einer Reihe gesellschaftlicher Fragen entgegengesetzt zum Mainstream. Das sind nicht nur die „ewigen Reizthemen“ Homosexualität, Rolle der Frau, Verbot von außerehelichem Sex und Empfängnisverhütung oder Priesterzölibat, sondern auch das Eintreten für den Lebensschutz, für Behinderte und Benachteiligte.

Halt und Orientierung für Menschen

Es sind die Warnungen vor der roten Gentechnik oder der mitunter lebensgefährliche Widerstand gegen Machtkartelle aus Politik und Wirtschaft. Nur fällt das zum Beispiel bei uns in Deutschland weniger auf, wo Bischöfe vom Staat besoldet werden und die Kirche über das Steuerwesen und die Sozialsysteme eng mit der öffentlichen Hand kooperiert. So bleibt im Erscheinungsbild der Kirche als Institution – stark vergrößert vom Zoom-Objektiv der Medien – oft nicht viel mehr übrig als eine Ansammlung älterer Männer mit seltsamer Sprache, seltsamen Gewändern und noch seltsameren Moralvorschriften.

Dieses Bild wird weder der Wirklichkeit kirchlichen Lebens gerecht noch dem Evangelium. Was umso schlimmer ist, als diese christliche Frohbotschaft zum Besten gehört, woran Menschen Halt und Orientierung finden können. Aber wessen Schuld ist es, dass in der Öffentlichkeit so wenig Gespür dafür und so wenig die Rede davon ist – und stattdessen ständig von Skandalen, Machtkämpfen, Verboten, Strafen und Sanktionen?

Der Kölner Erzbischof sieht die Kirche als Opfer. Und fast klingt es, als gäbe es für ihn einen notwendigen inneren Zusammenhang von christlichem Glaubenszeugnis und säkularer Ablehnung: Je stärker die Kirche und ihre Vertreter in der modernen Mediengesellschaft unter „ungerechtfertigten Angriffen“ zu leiden haben, desto glaubwürdiger ihr Eintreten für die eigene Überzeugung, desto intensiver die Verbindung zu Christus als dem Schmerzensmann – und desto wichtiger der Aufruf vor allem an die Geistlichen: Seid tapfer! Haltet stand! Gott wird es euch lohnen.

Kreuz und Nazi-Keule

Wer aber so mit Konflikten und Konfrontationen umgeht, nimmt ihnen die selbstreinigende Kraft: Auf dem falschen Trip sind immer die anderen. Kardinal Meisner variiert dieses Motiv spirituell. Er schwingt das Kreuz. Der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, inzwischen Präfekt der Glaubenskongregation und damit die Nummer drei im Machtgefüge des Vatikans, lässt lieber noch die Nazi-Keule kreisen. In einer Mischung aus Larmoyanz und Paranoia sieht er die Kirche heute ähnlichen Angriffen ausgesetzt wie zur Zeit des Nationalsozialismus. Massive Kritik an der Kirche – etwa im Missbrauchsskandal – wird bei Müller zur Attacke à la Goebbels. Das ist so geschmacklos wie geschichtsvergessen und ein Totalschaden im Dialog zwischen Kirche und säkularer Gesellschaft. Aber einen Mann wie Müller dürfte das schon deswegen kaum beschweren, weil er von „Dialog“ als einem bereichernden Gespräch unter Gleichen schon innerkirchlich nichts hält.

Die frühen christlichen Gemeinden der ersten Jahrhunderte nach Christus verstanden sich als Kontrastgesellschaft zu ihrer jüdisch-hellenistisch-römisch geprägten Umwelt. „Bei euch aber soll es anders sein“, sagt Jesus schon in der Bibel und meint damit den Ausstieg aus tradierten Logiken von Macht und Herrschaft. In diesem Sinn waren Christen immer wieder „Avantgarde“, ebenso wie mit dem Programm tätiger Nächstenliebe.

Heute dagegen erkennt zumindest die katholische Amtskirche ihr Kontrastpotenzial oft in einem – hart gesagt – reaktionären Habitus: Gut ist, was „immer schon“ so war. Gefährlich ist, was sich ändert. Richtig ist, was „wir“ glauben und tun. Falsch ist, was „die anderen“ denken und treiben. Dieses gouvernantenhafte Gehabe steht der Ursprungsgestalt von Kirche nicht – und schadet ihrem „Kerngeschäft“, der Glaubensverkündigung.

Religion ist nicht Privatsache

Denn der moderne Mensch hat nun einmal eine Aversion gegen Bevormundung und Indoktrinierung. Viele Zeitgenossen haben zudem persönlich schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Die aggressive Abwehr eines (gefühlten) Zugriffs der Kirche auf das eigene Leben ist eine Form der Emanzipation – nicht reflektiert und wohlabgewogen, gewiss. Aber wer kann schon kühlen Kopf behalten, wenn es ums Ganze geht? Und mit weniger als dem Ganzen kann und will sich Religion schließlich nicht zufrieden geben.

So trifft Kardinal Meisner mit der Diagnose einer „Katholikenphobie“ einen wesentlichen Punkt. Auf dem Spiel stehen Fähigkeit und Bereitschaft der Gesellschaft, der Religion und den Religiösen Raum zu geben. „Religion“, so behauptete es vor einiger Zeit ein Buchtitel, „Religion ist nicht Privatsache“. Das ist ein doppelter Appell. An die säkulare Gesellschaft gerichtet, heißt er übersetzt: Erhebt euch nicht in falscher Arroganz über jene, für die diese Welt nicht das letzte und höchste Maß aller Dinge ist! An die Religion gerichtet, speziell an die christliche Religion und an die Kirchen, lautet der Appell: Seid Teil dieser Welt! Und glaubt nicht, ihr fändet das Paradies im Museum, in der Schmollecke oder als Geisterfahrer auf der Autobahn.

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