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Kommentar zur Atomenergie: Eine Vision verglüht

Der Super-GAU in Japan ist der Einschnitt, selbst wenn, wie die ganze Welt verzweifelt hofft, die ganz große Katastrophe noch verhindert werden kann. Er zerstört weltweit die Idee, eine beherrschbare zivile Atomkraft könne die Welt in eine bessere Zukunft führen, sie vor Energiekrise und Klimawandel retten. Das Gegenteil ist der Fall.

Es war die Vision, die Hiroshima vergessen lassen sollte: „Atoms for Peace“. Damit startete US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1953 ein Programm zur zivilen Nutzung der Atomenergie – jener verheerenden Kraft, die 1945 zwei japanische Großstädte in Nuklearwüsten verwandelt und Hunderttausenden Tod oder Krebs gebracht hatte. Es sollte das „Atomzeitalter“ beginnen, eine neue Ära mit der kontrollierten Kernspaltung als Wohlstandsmaschine für alle. Die Vision verglüht momentan endgültig in den Reaktoren von Fukushima.

Der Super-GAU in Japan ist der Einschnitt, selbst wenn, wie die ganze Welt verzweifelt hofft, die ganz große Katastrophe noch verhindert werden kann. Er zerstört weltweit die Idee, eine beherrschbare zivile Atomkraft könne die Welt in eine bessere Zukunft führen, sie vor Energiekrise und Klimawandel retten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Technologie ist nicht beherrschbar. Die Atomkraft ist gescheitert.

Es gilt, einen historischen Irrtum zu beenden. Die seit den 50er Jahren gemachten Versprechungen vernebelten den Blick auf die Risiken der neuen Technologie. Elektrizität würde so billig werden, dass sich Stromzähler nicht mehr lohnten, hieß es. Man träumte von atomgetriebenen Autos, von Atomlokomotiven und -flugzeugen. Uran-Energie solle die Sahara ergrünen lassen, schwärmte der Philosoph Ernst Bloch. Heute, nach Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima, zeigt sich, dass die Atom-Apologeten einen faustischen Pakt vorschlugen. Viele Regierungen schlossen ihn damals ab. Höchste Zeit, ihn aufzulösen.

Im Nachhinein unglaublich: Die Politiker förderten den Ausbau einer Technologie, von der sie wussten, dass sie gigantische Risiken mit sich bringt. Man erfand das Wort „Restrisiko“, das die Tatsachen vernebelte. Die Ölkrise 1973 ließ die Regierungen der Industrieländer gigantische Atomprogramme auflegen, um vom Erdöl unabhängiger zu werden. Doch im selben Jahrzehnt wurde auch klar: Vom „Restrisiko“ zu reden, ist eine Täuschung. Es gab den Beinahe-GAU von Harrisburg, und selbst offizielle AKW-Risikostudien zeigten, dass die Katastrophe nicht so unwahrscheinlich war, wie das Wort suggerierte.

Spätestens da hätten die Regierungen aussteigen müssen. Doch nicht einmal die Katastrophe von Tschernobyl 1986 brachte Stromkonzerne und Politiker zur Besinnung. Zwar hörte der größte Teil der Staaten in den 80er Jahren auf, Atomkraftwerke zu bauen; die Zahl der AKW stagniert seither. Aber die Erinnerung an Tschernobyl verblasste: Die Fast-GAUs in Atommeilern, ob in Deutschland, Schweden, USA, wurden nicht richtig als Warnung verstanden, obwohl sie in den „sicheren“ westlichen Anlagen passierten. Und vor allem: Die Regierungen nutzten die Zeit nicht ausreichend für den nötigen Umbau des Energiesystems auf Effizienz und erneuerbare Energien. So konnte sich die Atomindustrie in den 90er Jahren neu erfinden, in dem sie an den Klimaschutz-Zug ankoppelte. Ihre „CO2-freie“ Energie werde einen wichtigen Beitrag zum Schutz vor der Erderwärmung leisten, so das neue, aber wiederum falsche Argument.

Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit zum Umsteuern? Die Zäsur von Fukushima zwingt dazu, das Super-GAU-Risiko und die weiteren Gefahren wie Atommüll-Lagerung und Plutonium-Proliferation neu zu bewerten. Vor allem, da die Kernkraft nur dann überhaupt einen merklichen Beitrag zur Klimarettung leisten könnte, wenn bis 2050 global rund 1500 AKW gebaut würden – etwa alle zehn Tage eins. Nicht einmal unerschrockene Atombefürworter können ein solches Szenario gutheißen.

Der Super-GAU von Fukushima hat Folgen rund um die Welt. In vielen Staaten wachsen Zweifel, ob die bisherige Atompolitik verantwortet werden kann, die die „Renaissance“ der Kernkraft bringen sollte, selbst bei den Nuklear-Hardlinern USA und China. Der Schock geht tiefer als nach Tschernobyl. Doch trotz der gespenstischen Bilder aus Fukushima ist der nötige globale Atomausstieg noch immer nicht besiegelt. Die Nuklearindustrie hat in vielen Staaten großen Einfluss auf die Politik – und sie wird wie nach 1986 alles daran setzen, Fukushima als bedauernswerten Einzelfall hinzustellen. Daher ist es so wichtig, dass ein führender Industriestaat wie Deutschland zeigt, dass die Alternative funktioniert – durch schnellen Atomausstieg und Umstieg auf erneuerbare Energien. Es braucht solche Vorreiter, um das Ende des Atomzeitalters zu erreichen.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  20 | 3 | 2011
Kommentare:  28
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