Die Aussagen von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich über die aktuelle Studie zu jungen Muslimen sind rein populistisch. Ebenso populistisch wie einst Roland Koch und Thilo Sarrazin, die mit ihren Thesen für großen Wirbel und Empörung gesorgt haben.
Für die Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" wurden 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt, außerdem werteten die Wissenschaftler mehrere hundert Fernsehbeiträge aus. Ziel war es, die Integrations-und Radikalisierungsprozesse von jungen Menschen zu verstehen. Befragt wurden Vertreter der dritten Generation (14 bis 32 Jahre) sowie deren Eltern und Großeltern
Eine Studie über die Integrationsbereitschaft. Aber was bedeutet denn Integration? Ich habe meine Jugend in Ostdeutschland verbracht und erlebt, wie ein kleiner Rotzbengel sich aus dem Fenster lehnt, um mir, einen Teenager mit ausländischem Aussehen, grundlos den Stinkfinger zu zeigen. Als wäre es nicht genug, schmiss er mir auch noch beleidigende Worte hinterher, die ich hier ungern erwähnen möchte. Ich habe mich in dem Moment diskriminiert gefühlt und hätte dem Jungen am liebsten eine verpasst. Ist doch nur menschlich.
Ich hätte mich nach diesem und weiteren ähnlichen Vorfällen ausgrenzen, einen Hass auf die deutsche Gesellschaft entwickeln können. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das gilt auch für Ressentiments. Man kann einen Hund lange quälen, aber irgendwann beißt er zurück.
Ich habe mich gewehrt, indem ich auf ebendiese Menschen zugegangen bin, um ihnen mit gebrochenem Deutsch die Frage Warum zu stellen. Nicht viele von ihnen haben eine schlüssige Antwort parat. Die meisten verstummen.
15 Jahre später bin ich Journalist einer deutschen Tageszeitung, wohne mit deutschen und ausländischen Bürgern zusammen und trinke gern mein, ich betone, mein Germaniapils. Ich habe mich eingelebt, auch ohne deutschen Pass. Dafür aber mit Zustimmung und Offenherzigkeit meiner Mitmenschen.
Die Autoren der Studie führen die Ablehnung von Muslimen auf medial vermittelten Stereotypen zurück – also zum Beispiel solchen, dass Muslime im Fernsehen oft im Zusammenhang mit Extremismus und Terrorismus erwähnt werden.
Das Erlebnis der Stigmatisierung erschwere die Identifizierung mit der deutschen Kultur. Das widerum berge die Gefahr von „kultureller Entwurzelung“ und von Identitätsverlust, welcher die Wahrscheinlichkeit für eine Radikalisierung möglicherweise erhöhe.
Die stärkste negative Emotion gegen den Westen, die junge Muslime in der Befragung äußern, ist Trauer. Erst danach kommen Emotionen wie Hass, Angst und Wut.
Laut den Verfassern gibt es eine Gruppe unter jungen Muslimen, die sie als „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“ bezeichnen.
Zu dieser Gruppe zählen sie 15 Prozent der jungen deutschen Muslime und 24 Prozent der nichtdeutschen. Aber Vorsicht: Wenn die Phänomene „religiös“ und „akzeptiert Gewalt“ zusammen auftauchen, heißt das nicht, dass eines das andere bedingt.
90 Prozent der Muslime in Deutschland stufen die Macher der Studie als religiös ein, 41 Prozent davon sogar als hochreligiös.
Die Religiosität stehe nicht im Zusammenhang mit Einstellungen zum Terrorismus: „Unabhängig davon, wie stark eine Person an den Islam gebunden ist, werden Aktionen islamistisch-extremistischer Terroristen entschieden abgelehnt.“
Kopftuch-oder Minarettverbote stärkten in erster Linie die Extremisten. Auch die Verhinderung einer doppelten Staatsbürgerschaft sei wenig sinnvoll: Dadurch werde den Betroffenen beim (gefühlten) Ankommen in Deutschland Hürden in den Weg gelegt.
Eine doppelte Staatsbürgerschaft zeige, dass eine Integration gewünscht ist, bei der auch die Herkunftsnation akzeptiert wird.
Die Autoren beobachten statistische Schwankungen vor und nach den polemischen Äußerungen von Thilo Sarrazin. „Die „nach Sarrazin“ Befragten geben deutlich stärker
zum Ausdruck, dass die Muslime die Kultur ihres Herkunftslandes bewahren sollten“, heißt es. Außerdem hätten sie eher Vorurteile gegenüber Juden und dem Westen. Mit der Veröffentlichung von Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ fühlten besonders nichtdeutsche Muslime sich wohl noch stärker ausgeschlossen.
Die überwiegende Mehrheit der Muslime distanziert sich von religiös motivierter Gewalt und religiös motiviertem Terrorismus. Dies gelte auch für fundamentalistisch-wahhabitische Strömungen. Terror sei unvernünftig und dumm, da er Unschuldige treffe, lautete eine gängige Antwort.
Befragte der ersten und zweiten (Einwanderer-)Generation definieren sich eher über ihre Herkunftskultur. Die dritte Generation hingegen fühle sich stärker zu Deutschland zugehörig.
Es gibt nur wenige Anzeichen dafür, dass mangelnde Anpassung zu einer Radikalisierung führt. Umgekehrt gilt aber, dass eine Radikalisierung die „Akkulturationsziele“ beeinflusst.
Das Prinzip der Zusammengehörigkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Der Wille eines einzelnen, Teil einer Gemeinschaft werden zu wollen, reicht meistens nicht. Es bedarf auch der Bereitschaft von der anderen Seite. Ich habe vielleicht das Glück, die richtigen Menschen zu kennen, die mir eine Chance gegeben haben, meine Rolle in dieser Gesellschaft zu finden. Integration hat viel mehr Facetten als die in der Studie vorgegebenen Kategorien. Das ist meine persönliche Integration.
Ich hätte mich über das von der Politik und Medien verzerrte Bild dieser Studie ärgern können, aber das ist es nicht wert. Und das nicht, weil ich "integriert" bin. Statt mich aufzuregen, lade ich jetzt die Studie runter und lese sie in aller Ruhe. Schließlich lautet eine der Kernaussagen, dass 78 Prozent der deutschen Muslime und 52 Prozent der nichtdeutschen Muslime die Integration mehr oder weniger befürworten.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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