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02. März 2012

Kommentar zur Integrationsstudie: Gelassen bleiben

 Von Minh Duc Nguyen
Erst sagte Friedrich, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Auch ein Grund, sich nicht integrieren zu wollen.  Foto: dpa

Die von Innenminister Hans-Peter Friedrich herausgegebene Studie über die Integrationsbereitschaft unter muslimischen Mitbürgern sorgt für Verwirrung und Empörung in der Gesellschaft. Dabei handelt es sich nur um eine rein populistische Aktion, die die Betroffenen gar nicht so ernst nehmen sollen.

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Die Aussagen von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich über die aktuelle Studie zu jungen Muslimen sind rein populistisch. Ebenso populistisch wie einst Roland Koch und Thilo Sarrazin, die mit ihren Thesen für großen Wirbel und Empörung gesorgt haben.

Lebenswelten junger Muslime

Für die Studie "Lebenswelten junger Muslime in Deutschland" wurden 700 junge deutsche und nichtdeutsche Muslime telefonisch befragt, außerdem werteten die Wissenschaftler mehrere hundert Fernsehbeiträge aus. Ziel war es, die Integrations-und Radikalisierungsprozesse von jungen Menschen zu verstehen. Befragt wurden Vertreter der dritten Generation (14 bis 32 Jahre) sowie deren Eltern und Großeltern

Eine Studie über die Integrationsbereitschaft. Aber was bedeutet denn Integration? Ich habe meine Jugend in Ostdeutschland verbracht und erlebt, wie ein kleiner Rotzbengel sich aus dem Fenster lehnt, um mir, einen Teenager mit ausländischem Aussehen, grundlos den Stinkfinger zu zeigen. Als wäre es nicht genug, schmiss er mir auch noch beleidigende Worte hinterher, die ich hier ungern erwähnen möchte. Ich habe mich in dem Moment diskriminiert gefühlt und hätte dem Jungen am liebsten eine verpasst. Ist doch nur menschlich.

Ich hätte mich nach diesem und weiteren ähnlichen Vorfällen ausgrenzen, einen Hass auf die deutsche Gesellschaft entwickeln können. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Das gilt auch für Ressentiments. Man kann einen Hund lange quälen, aber irgendwann beißt er zurück.

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Ich habe mich gewehrt, indem ich auf ebendiese Menschen zugegangen bin, um ihnen mit gebrochenem Deutsch die Frage Warum zu stellen. Nicht viele von ihnen haben eine schlüssige Antwort parat. Die meisten verstummen.

15 Jahre später bin ich Journalist einer deutschen Tageszeitung, wohne mit deutschen und ausländischen Bürgern zusammen und trinke gern mein, ich betone, mein Germaniapils. Ich habe mich eingelebt, auch ohne deutschen Pass. Dafür aber mit Zustimmung und Offenherzigkeit meiner Mitmenschen.

Das Prinzip der Zusammengehörigkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Der Wille eines einzelnen, Teil einer Gemeinschaft werden zu wollen, reicht meistens nicht. Es bedarf auch der Bereitschaft von der anderen Seite. Ich habe vielleicht das Glück, die richtigen Menschen zu kennen, die mir eine Chance gegeben haben, meine Rolle in dieser Gesellschaft zu finden. Integration hat viel mehr Facetten als die in der Studie vorgegebenen Kategorien. Das ist meine persönliche Integration.

Ich hätte mich über das von der Politik und Medien verzerrte Bild dieser Studie ärgern können, aber das ist es nicht wert. Und das nicht, weil ich "integriert" bin. Statt mich aufzuregen, lade ich jetzt die Studie runter und lese sie in aller Ruhe. Schließlich lautet eine der Kernaussagen, dass 78 Prozent der deutschen Muslime und 52 Prozent der nichtdeutschen Muslime die Integration mehr oder weniger befürworten.

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