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25. Juli 2012

Kurden in Syrien auf Vormarsch: Türkei befürchtet Großkurdistan

 Von Frank Nordhausen
Syrischer Flüchtling in einem Camp an der syrisch-irakischen Grenze. Foto: REUTERS

In nordsyrischen Städten wehen kurdische Fahnen und aus dem Nordirak marschieren Freiheitskämpfer über die Grenze. Die Türkei sorgt sich nun, dass ein Kurdenstaat an ihrer Südgrenze entsteht. Das hätte Auswirkungen auf den Kurdenkonflikt im eigenen Land.

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Wird im Nordosten Syriens gerade der Keim eines unabhängigen Kurdenstaates gepflanzt? Im Windschatten der Kämpfe in Damaskus und Aleppo haben aufständische Kurden in einem breiten Grenzstreifen zur Türkei in den letzten Tagen eine „Autonome Region Westkurdistan“ ausgerufen. Fast widerstandslos habe sich das syrische Militär aus den drei Provinzen zurückgezogen, in denen die meisten der rund drei Millionen syrischen Kurden leben. Das berichten türkische, arabische und kurdische Medien übereinstimmend.

In den Städten Hasakah, Afrin und Koban wurden die Institutionen der Baath-Partei zerstört und revolutionäre Räte gegründet. Unklar war die Lage am Mittwoch noch in der 180.000-Einwohner-Stadt Kamishli im Dreiländereck Syrien-Türkei-Irak. Fotos aus den Brennpunkten belegen aber, dass in der Region zwischen Aleppo und Kamishli jetzt die kurdischen Fahnen flattern und kurdische Selbstverteidigungsgruppen aufgestellt werden. Eine zweite Kurdenrepublik neben dem semiautonomen Nordirak wird schemenhaft sichtbar.

Kurden im Nordirak treten selbstbewusst auf

Der Nordirak spielt dabei eine aktive Rolle. Im türkischen Fernsehen waren am Dienstag Tausende von kurdischen Freiheitskämpfern zu sehen, die aus dem Nordirak nach Syrien marschierten. Präsident Massud Barzani räumte in der Hauptstadt Erbil offen ein, dass es sich dabei um syrisch-kurdische Armeedeserteure handle, die man dafür trainiert habe, „ein Sicherheitsvakuum in Nordsyrien zu verhindern“. Er bestritt, dass auch nordirakische Truppen in den Süden geschickt würden, hinterließ aber den Eindruck, dass Erbil sich als Schutzmacht der Kurden in Syrien begreift. Ebenso offensichtlich ist, dass Barzani erneut Außenpolitik an Bagdad vorbei betreibt und der Nordirak immer selbstbewusster als eigenständiger politischer Akteur in der Region auftritt.

Bevölkerung in Syrien
Bevölkerung in Syrien
Foto: dpa-infografik

Diese Entwicklung muss Ankara zutiefst beunruhigen, denn sie untergräbt das regionale Machtgefüge und wird sich zwangsläufig auf die Türkei und ihr Kurdenproblem auswirken. Fassungslos reagierten türkische Kommentatoren auf Fotos des inhaftierten türkischen Kurdenführers Abdullah Öcalan, die an Gebäuden und auf Kundgebungen in Westkurdistan auftauchten. Noch hat sich der Nebel zwar nicht völlig gelichtet, aber sicher ist, dass der im vergangenen Oktober als Dachorganisation von einem Dutzend Oppositionsgruppen gegründete „Kurdische Nationalrat“ und vor allem die „Demokratische Unionspartei“ (PYD) den Umsturz im syrischen Nordosten anführen.

Chance für kurdische Autonomie

Der Kurdische Nationalrat hatte in den vergangenen Monaten vergeblich versucht, in den Syrischen Nationalrat, das wichtigste Oppositionsbündnis, aufgenommen zu werden – die syrischen Araber wollten sich nicht auf die geforderte Teilautonomie für die Kurdengebiete einlassen. Die bedeutendere und vor allem besser bewaffnete PYD strebt dagegen eine vollständige Autonomie Westkurdistans an; sie ist eng mit der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei (PKK) verbunden und betrachtet Öcalan als ihren Anführer.

Doch ist die Machtfrage noch nicht völlig geklärt, wovon Schießereien zwischen Anhängern und Gegnern der PYD etwa in der Stadt Afrin zeugen. Die syrischen Kurden eint, dass sie sowohl zur Regierung in Damaskus wie zur arabisch-syrischen Opposition Distanz halten und sich Hilfsangebote der Freien Syrischen Armee verbeten haben. Der Kollaps des Assad-Regimes bietet ihnen jetzt die Chance, das Fundament für die Autonomie Westkurdistans zu legen. Sie werden sich kaum wieder von Damaskus bevormunden lassen.

Türkische Repressionen rächen sich

In der Türkei löst die Perspektive eines weiteren Kurdenstaates als Nachbar, zumal unter der Herrschaft der PYD, erhebliche Nervosität aus. „Die Türkei sollte weniger eine Libanonisierung Syriens entlang ethnischer Linien fürchten als vielmehr ein unabhängiges Kurdistan an seiner südöstlichen Grenze“, schreibt die Istanbuler Zeitung Milliyet. Meldungen, wonach der syrische Diktator Baschar al-Assad die PKK angeblich finanziell und militärisch unterstützt, haben die Furcht noch gesteigert. „Am Horizont liegt nun ein Großkurdistan, das die südlichen Grenzen der Türkei umschließt“, fürchtet Milliyet.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan hat zwar verkündet, dass man „niemals“ einen Kurdenstaat an der Südgrenze dulden werde – aber er scheut eine offene Einmischung in den syrischen Bürgerkrieg. Wahrscheinlich hat Ankara auch wegen der „kurdischen Gefahr“ am Mittwoch sämtliche Grenzübergänge zu Syrien geschlossen und weitere Truppen ins kurdische Grenzgebiet verlegt. Nun könnte sich rächen, dass die konservativ-religiöse AKP-Regierung in der Kurdenpolitik zuletzt wieder auf Repression setzte. Mehr als 4000 kurdische Aktivisten, Journalisten, Intellektuelle und Politiker sitzen derzeit im Gefängnis. Ankara hat versäumt, die Chancen zur Versöhnung mit den Kurden wahrzunehmen. Die Existenz eines autonomen Westkurdistans dürfte der kurdischen Opposition in der Türkei Flügel verleihen.

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