Deutschland wird immer dümmer – diese These stellt Thilo Sarrazin auf und belegt sie zugleich durch seinen Auftritt. Sobald die Bundesbank ihn wegen seiner Clownerien kaltgestellt und zu Deutschlands höchstbezahltem Arbeitslosen gemacht haben wird, verfügt er über noch mehr Zeit, den Stammtisch zu bedienen – und macht dabei gleichzeitig deutlich, wie niedrig das Niveau der öffentlichen Diskussion zuweilen ist. Innovation, gesellschaftliche Dynamik, Integration – aus Sarrazins Sicht alles Quatsch. Wenn er den Ruf des Muezzin hören wolle, buche er einen Flug ins „Morgenland“, lässt der Politrentner sich vernehmen. Dass der Muezzin vielleicht gar nicht ihn ruft und die Moscheen in Deutschland kein Beitrag zur Unterhaltung von Herrn Sarrazin sind, kommt ihm nicht in den Sinn.
Interessant an dem Buch Sarrazins und der großflächigen Vorabveröffentlichung in einem Massenblatt sind zwei Dinge: zum einen, dass die aufgewärmten NPD-Parolen überhaupt Aufmerksamkeit finden, zum anderen dass selbst führende Persönlichkeiten, zu denen ein Bundesbank-Vorstand ja gehört, meinen, keinerlei Anspruch an Redlichkeit und Intellektualität mehr erfüllen zu müssen. An die Stelle des Diskurses ist das Marktschreierische getreten, es geht nicht darum zu analysieren und zu argumentieren, sondern Aufmerksamkeit zu erregen. Nina Hagen, die in die Jahre gekommene Punkerin macht das, indem sie in Talkshows permanent Fratzen schneidet: Hauptsache, ich bin im Bild. Auch Sarrazin zieht Grimassen, um nur nicht vergessen zu werden.
So gesehen legt Sarrazin doch einen Finger in die Wunde, er zeigt am eigenen Beispiel die Orientierungs- und Verantwortungslosigkeit in der Gesellschaft. Die Probleme, die er zur Folie für seine Egoshow nimmt, sind ja durchaus real, der Mann aus Frankfurt, der im Berliner Senat jahrelang Zeit hatte, etwas gegen die jetzt von ihm beklagten Schwierigkeiten zu tun, präsentiert keine Lösungen und erhebt auch gar nicht den Anspruch, es zu tun.
Dabei wird, genauso wie bei dem Gewurstel der glücklosen Bundesregierung und der SPD, die sich in die Behaglichkeit der Unverantwortlichkeit verabschiedet, deutlich, was Deutschland fehlt: Wir brauchen ein Leitbild für das 21. Jahrhundert. Die alten Vorgaben sind erschöpft. Der Wiederaufbau, die Etablierung der parlamentarischen Demokratie, das Bestehen im Ost-West-Gegensatz, die Aufrechterhaltung der Bindungen zwischen West- und Ostdeutschland sind die Wegmarken von gestern, sie wurden erfolgreich abgearbeitet. Für das neue Jahrhundert fehlt uns noch die Orientierung.
Jede Firma, jede Organisation verfügt mittlerweile über ein Leitbild. Dort wird festgelegt, auf welchen Werten das Unternehmen basiert, wie es seine Ziele erreichen und welche konkreten Vorhaben es ins Werk setzen will, um Herausforderungen zu meistern. Ein solches Leitbild schließt Auseinandersetzungen über den Weg nicht aus, aber es zeigt die Richtung. Wirkung kann es allerdings nur entfalten, wenn es das Ergebnis einer breiten Diskussion ist.
Wir sollten den Prozess beginnen oder, um ein Bild aus dem Morgenland zu bemühen: Die Karawane muss sich in Bewegung setzen und die heulenden Hunde in der (intellektuellen) Wüste zurücklassen.
Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
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