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20. Juli 2012

Leitartikel : Das Recht zur Beschneidung

 Von Christian Bommarius
Ist die Debatte um Beschneidung gefährlich für unser Zusammenleben?Foto: dapd

Unter dem Deckmantel einer juristischen Frage werden antisemitische Affekte erkennbar, die für das Zusammenleben bedrohlicher sind als jede Zirkumzision.

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Die erregte Debatte um das Recht oder Unrecht der Beschneidung hat Interessantes zutage gefördert: Rund die Hälfte der Deutschen ist davon überzeugt, dass Muslime und Juden ihre männliche Nachkommenschaft vorsätzlich genital verkrüppeln, im zarten (Muslime-) oder zartesten (Juden-) Alter in einem blutigen Akt der Barbarei die Körper der männlichen Jugend irreversibel verletzen und die sexuelle Identität beschädigen.

Das Entsetzen, das dieses archaische Gemetzel in den sanften Gemütern der aufgebrachten Deutschen hervorruft, ist derart gewaltig, Abscheu und Empörung über das im Namen einer Religion begangene Verbrechen sind derart überwältigend, dass die Selbstdisziplin nur zu bewundern ist, mit der die Hälfte der Deutschen jahrzehntelang Entsetzen, Abscheu und Empörung für sich behalten, still gelitten und duldsam geschwiegen hat, bis sie endlich in diesem Sommer ein Urteil der 1. Kleinen Strafkammer des Landgerichts Köln aus ihrer stummen Qual erlöste und – in diesem Falle sehr zu Recht – „im Namen des Volkes“ die Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung (vulgo: religiöse Barbarei) in den juristischen Orkus schickte. Seit Generationen hatten Millionen Deutschen offenbar aus ihren Herzen eine Mördergrube gemacht. Jetzt haben sie die Grube geöffnet. Was ein Urteil in Deutschland nicht alles vermag.

Was ist Kindeswohl?

Was es nicht vermag: den Anteil der Redlichkeit in der Debatte so zu steigern, dass er dem Grad der Empörung nur annähernd entspräche. Natürlich geht es nicht um die Frage, ob die Beschneidung eine Körperverletzung ist (auch wenn es unter Juristen noch immer umstritten ist: Sie ist es). Schon eher ist die Frage von Bedeutung, ob die Einwilligung der Eltern die Verletzung rechtfertigen kann. Das kann sie nur, wenn sie dem Wohl des Kindes entspricht.

Aber was ist das Kindeswohl? In erster Linie das, was die Eltern darunter verstehen. Kein Mensch kommt auf die Idee, Eltern die Verletzung des Kindeswohls vorzuhalten, weil sie ihren Nachwuchs von frühester Jugend an zum Hochleistungssport auf die Skipisten schleppen, auf Berghänge jagen oder auf die Radrennstrecke schicken und damit irreversible Gesundheitsschäden der Kinder und Jugendlichen riskieren. Eltern, die nicht wissen, ob eine Impfung ihres Kindes Fluch oder Segen bedeutet, werden sich weder vor Gericht noch vor ihren Nachbarn für ihre Entscheidung verantworten müssen.

Inwieweit abstehende Ohren eines Kindes einer kosmetischen Korrektur bedürfen, ob und wann sie für das Kind ein ästhetisches Problem darstellen, das seine seelische Entwicklung zu beeinträchtigen droht, ist eine Frage, die selbstverständlich allein die Eltern zu entscheiden haben. Und gerade weil es unter Medizinern umstritten ist, ob die Entfernung der Vorhaut beim männlichen Kleinkind als geeignete Prävention gegen bestimmte Krankheiten (beispielsweise Peniskrebs) in Betracht zu ziehen ist, liegt die freie Entscheidung über die Beschneidung, etwa in den USA, bei den Eltern mit der Folge, dass dort rund ein Drittel aller männlichen Neugeborenen beschnitten sind.

Tag für Tag werden Kleinkinder in Deutschland Opfer von ihren Eltern initiierter Körperverletzungen. Sie sind gerechtfertigt, weil die Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, und dass es das Beste für die Kinder sei, wird von der Gesellschaft akzeptiert, sofern die Eltern ästhetische, materielle oder medizinische Gründe für die Körperverletzung nennen. Nennen sie aber religiöse Gründe, dann nennt es die Gesellschaft Barbarei. Dann heißt es, das Individuum bedürfe des Schutzes vor dem blutigen archaischen Ritual, dessen Vollzug nie und nimmer dem Kindeswohl entspreche und darum auch nicht dem Erziehungsrecht der Eltern unterliege.

Christian Bommarius
Christian Bommarius
Foto: Markus Wächter / Waechter

In der Debatte um die Beschneidung muslimischer und jüdischer Jungen geht es also nicht um Körperverletzung, nicht um das Erziehungsrecht der Eltern, nicht einmal um die Beschneidung selbst. Unter dem Deckmantel einer juristischen Frage werden antiislamische und antisemitische Affekte erkennbar, die für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohlicher sind als jede religiös motivierte Zirkumzision.

Mit überwältigender Mehrheit hat der Bundestag gestern eine rechtlich unverbindliche Resolution beschlossen, die, ohne viele Worte zu machen, zum Vernünftigsten zählt, was in dieser Debatte bisher vorgetragen worden ist. Das Parlament verlangt eine gesetzliche Regelung, die sicherstellt, dass „eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist.“ Ob sie dem Kindeswohl entspricht, haben nicht Juristen zu entscheiden, sondern die Eltern.

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