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Leitartikel : Kur für Krankenhäuser

Strukturen müssen verändert, Krankenhäuser geschlossen und Betten abgebaut werden. Die Einsparungen sind zu investieren: in eine Korrektur des Systems der Fallpauschalen.

 Timot Szent-Ivanyi
Timot Szent-Ivanyi

Die Frau ist an Brustkrebs erkrankt, die rechte Brust muss abgenommen werden. Der Operationstermin ist für Donnerstag früh um acht Uhr angesetzt, doch durch Verschiebungen, die unter anderem durch Notfälle verursacht werden, kommt die Patientin erst um acht Uhr abends unters Messer. Der neue Termin führt aber nicht etwa dazu, dass der ohnehin knapp bemessene Klinikaufenthalt verlängert wird. Nein, pünktlich um zehn am Sonntagmorgen wird die Patientin wieder nach Hause geschickt. Blutige Entlassung, heißt das beim Klinikpersonal. Das ist kein Einzelfall, das ist inzwischen Normalität in deutschen Krankenhäusern. Doch gestern meldeten sich Vertreter von Krankenkassen und beklagten, es gebe zu viele Kliniken in Deutschland und vor allem zu viele Betten. Wie passt das zusammen?

Zunächst die Statistik: 8,2 Klinikbetten gibt es in Deutschland je 100 000 Einwohner, im Durchschnitt der 34 OECD-Staaten sind es lediglich 4,9 Betten. Dazu passt noch eine Zahl, die das Statistische Bundesamt erst vor wenigen Tagen veröffentlich hat: Nur etwas mehr drei Viertel der deutschen Krankenhausbetten waren im Jahre 2010 im Durchschnitt ausgelastet.

Wir leisten uns mehr als andere Länder

Die Krankenkassen liegen mit ihrer Forderung also nicht falsch. Wir leisten uns Strukturen, die größer und teurer sind als in vielen anderen Ländern. Das liegt zum einen daran, dass hierzulande die Länder für die Krankenhausplanung zuständig sind. Kliniken sind auch Prestigeobjekte für Lokalpolitiker, ähnlich wie Straßen. Da wurde also munter gebaut, ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf und ohne Blick über den Tellerrand.

Zum anderen ist es den Krankenkassen nicht erlaubt, mit einzelnen Kliniken Verträge über bestimmte Operationen abzuschließen. Zur Illustration der Folgen benutzen die Krankenkassen gern ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet: Hier gebe es im 50-Kilometer-Umkreis der Stadt Essen 106 Krankenhäuser, die Kniegelenk-Implantationen vornehmen. Alles muss von den gesetzlichen Kassen bezahlt werden, egal ob die Klinik gut oder schlecht ist. Der dritte Grund für die Ineffizienz ist die sogenannte doppelte Facharztschiene. Fachärzte arbeiten sowohl in den Kliniken als auch im ambulanten Sektor, doch diese Bereiche sind bis auf wenige Ausnahmen strikt voneinander getrennt. So dürfen die Kliniken keine Patienten ambulant behandeln. An der Systemgrenze scheitert oftmals eine optimale Versorgung der Patienten, auch unter dem Gesichtspunkt der Kosten.

Der Abbau von Betten wäre also nur Teil einer Reform. Für die Schließung von Kliniken ist übrigens nicht einmal ein aktives Tun der Politik vonnöten, eher ein Unterlassen. Denn die Zahlen über die wirtschaftliche Lage zeigen, dass ein Gesundschrumpfen unausweichlich ist: Ein Fünftel der Häuser schreibt rote Zahlen, betroffen sind tendenziell kommunale Häuser und kleinere Kliniken. Diese werden bald verschwinden, wenn die Politik nicht wie so oft dem Drängen der Krankenhauslobby nachgibt und den Kliniken immer wieder mehr Geld gibt. Über 60 Milliarden Euro aus den Portemonnaies der Beitragszahler waren es im abgelaufenen Jahr, 2012 werden es 2,5 Milliarden Euro mehr sein.

Krankenkassen: Einsparungen im Blick

Wenn die Krankenkassen nun auf die vergleichsweise hohe Zahl von Krankenhausbetten hinweisen, haben sie allerdings vor allem Einsparungen im Blick. Doch darum darf es nicht gehen, wie ein weiterer Blick in die Statistik zeigt: Lagen die Deutschen 1991 noch im Schnitt 14 Tage im Krankenhaus, waren es 2010 nur noch knapp acht Tage. Das ist die Folge des neuen Finanzierungssystems. Früher bekamen die Kliniken für jeden Tag Geld, den der Patient blieb. Seit einigen Jahren erhalten sie je nach Diagnose und Schweregrad pauschal eine bestimmte Summe. Je früher der Patient nach Hause geht, desto lohnender für die Klinik. Aber auch die Krankenkassen achten strikt darauf, dass die Patienten die Klinik schnell wieder verlassen.

Das Pauschalensystem ist zwar grundsätzlich richtig. Doch es stößt mittlerweile an die Grenze des Erträglichen oder sogar an die des Zulässigen, wie das Beispiel eingangs zeigte. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Menschen älter werden und immer mehr Krankheiten zugleich haben, was zu einem erhöhten Pflegebedarf führt. Verantwortungsbewusste Ärzte müssen immer häufiger Tricks anwenden, damit ihre Patienten so lange wie nötig in der Klinik bleiben können und es eben nicht zu einer blutigen Entlassung kommt. Strukturen müssen verändert, Krankenhäuser geschlossen und Betten abgebaut werden, damit die erzielten Einsparungen für eine Korrektur dieses Systems der pauschalen Vergütung genutzt werden können.

Wer im Krankenhaus richtig gesund werden und nicht bald wieder in der Notaufnahme landen will, kann es verschmerzen, wenn er künftig einen längeren Weg zu einer Klinik in Kauf nehmen muss.

Datum:  3 | 1 | 2012
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