Seit drei Jahrzehnten stricken die Grünen nun an ihrer Erfolgsgeschichte. Die Anti-Parteien-Partei hat sich im Politikbetrieb festgesetzt und dabei die bundesrepublikanische Gesellschaft von Grund auf verändert. Dass es in bürgerlichen Kreisen zum guten Ton gehört, Bio zu kaufen, die Republik von einer Frau regiert wird, die sich von einem Schwulen vertreten lässt, und es als vorbildlich gilt, einen anatolischen Schwaben zum Parteichef zu machen, ist wesentlich das Verdienst jener Sonnenblumenkinder, die, orientiert an der Studentenbewegung, 1980 antraten, die Republik zu entmiefen. Turnschuh tragend, öffentlich stillend und lautstark mal miteinander, mal mit dem politischen Gegner streitend haben sie erst die Parlamente und dann die Regierungsbänke erobert.
Doch der Marsch durch die Institutionen hat Spuren hinterlassen. Und wie. Während die Konkurrenz Programmteile der Alternativen kopiert hat, haben die Grünen sich auf dem Weg zur Macht abgeschliffen. Urdemokratische Ansätze wie das Rotationsprinzip wurden gekippt. Die pazifistische Haltung - gekennzeichnet durch den Ruf "Raus aus der Nato" - wurde zum Argument für eine Duldung der deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg verkehrt. Der kapitalismuskritische Ansatz löste sich in einem Konzept für eine grüne Marktwirtschaft auf.
Derlei Anpassung verprellte zwar immer wieder Teile der angestammten Klientel, zog aber auch regelmäßig neue Anhänger an. Selbst vom endgültigen Verlust der Unschuld durch die Regierungsbeteiligung im Bund haben sich die Grünen erholt. Zuletzt verzeichneten sie Mitgliederzuwachs und Rekordergebnisse bei fast sämtlichen Wahlen, obwohl Rot-Grün durch seinen Mitte-Kurs für die Linke Platz machte.
Ein schweres, selbstverschuldetes Erbe. Die Erfolgsmeldungen zum Jubiläum können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grünen sich anstrengen müssen. Eingeklemmt in einem Fünf-Parteien-System müssen sie die Gratwanderung schaffen, als Scharnierpartei Machtoptionen auch jenseits des linken Lagers zu erproben, ohne ihr Profil weiter abzuflachen.
Das geht, wenn sie wieder als dezidiert progressive Kraft auftreten. Längs des Prinzips Nachhaltigkeit müssen sie sich und unsere Gesellschaft neu definieren. So können sie eine Sozialpolitik entwickeln, die sich nicht nur gerade eben so viel Fürsorge leistet, wie dem Standort Deutschland vermeintlich zuzumuten ist, sondern so viel, wie Menschen brauchen, um sich nicht fallengelassen zu fühlen und sich dauerhaft als produktive Mitglieder der Gesellschaft zu verabschieden. Wer nachhaltig denkt, muss auch nicht ausschließlich marktkonform auf Wachstum setzen und es grün bemänteln. Der denkt über alternative Wirtschaftsweisen auch jenseits des von Börsianern dominierten Kapitalismus wenigstens nach und gibt sich nicht damit zufrieden, ihn ein wenig einzuhegen.
Ansätze dazu gibt es ausreichend in der Partei, in der es von klugen Leuten nur so wimmelt. Bloß müssen die Denkverbote fallen, die aus dem Credo der Spitzenleute resultieren, wonach nichts zu sagen hat, wer nichts zu sagen hat. Sprich: Wir müssen erst an die Macht, um etwas zu verändern. Deshalb spitzen wir unsere Konzepte lieber nicht zu, denken auf keinen Fall über das System hinaus, weil wir auch mit der Union (Hamburg) und notfalls sogar mit der FDP (Saarland) koalieren können wollen. Wer an die Macht will, muss aber dem Wähler vermitteln, was er dort anders zu machen gedenkt als die Konkurrenz. Man schreibt keine überzeugenden Programme, die sich wie vorweggenommene Koalitionsverträge lesen. Nur wer einen festen Standpunkt hat, kann in ungewohnten Bündniskonstellationen nicht umfallen.
Die Grünen müssen wieder provozieren - auch und gerade die eigene Klientel. Zwar haben es die einstigen Bürgerschrecks geschafft, jene neuen Citoyens an sich zu binden, die überdurchschnittlich politisch interessiert, gebildet und einkommensstark sind. Doch wollen die alles andere sein als etabliert. Eine Partei, die sich nichts traut, die ihnen intellektuell nichts zumutet, beginnt sie zu langweilen.
Wer nicht bereit ist, auch einmal Utopien auszumalen, schließt jeden etwas schärferen Gedanken von vorneherein aus. Dazu muss die Streitkultur wieder her, die grüne Parteitage einst zu turbulenten Ereignissen machten, bevor sie zu Marketingveranstaltungen verkamen. Nur wenn die Grünen Zukunft neu denken, werden sie auf Dauer selbst eine haben.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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