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Leitartikel: Althaus´ letzte Rolle

Dieter Althaus hat losgelassen. Allzu spät. Sein Fall wird zum Lehrstück über die Droge Politik, moralische Verantwortung und die Grenzen der Vermarktung individuellen Schicksals. Ein Leitartikel von Thomas Kröter

Abgang. Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen, tritt zurück.
Abgang. Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen, tritt zurück.
Foto: dpa

Zuletzt schien nur noch einer Verwendung für ihn zu haben: Bodo Ramelow. Der rote Möchtegern-Ministerpräsident brauchte eine schwarze Sozi-Scheuche. Dieter Althaus sollte es Christoph Matschie attraktiver erscheinen lassen, den Postkommunisten an die Macht zu helfen, statt die der Post-Blockflöten zu stabilisieren. Nun hat er für einen Stimmanteil von 18 Prozent viel erreicht. Althaus ist weg. Warum sollte der Sozialdemokrat sich auf die Liaison mit der Linken einlassen, wenn er auch dort nicht Herr im Hause wird?

Die Thüringer Spekulationsblase, so sieht es heute aus, ist geplatzt. Nix Avantgarde. Nix bundespolitisches Fanal. Die Nation muss (oder darf?) weiter auf den ersten Ministerpräsidenten aus den Reihen der Linkspartei warten. Christoph Matschie wird auch nicht in die Fußstapfen von Reinhold Maier (FDP) und Heinrich Hellwege (Deutsche Partei) treten, die es in den 1950er Jahren in Baden-Württemberg und Niedersachsen schafften, als Juniorpartner in einer Koalition den Chef zu geben.

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Thomas Kröter ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Thomas Kröter ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: FR

In Erfurt läuft nun alles auf eine "stino", eine stinknormale große Koalition hinaus. Das Fenster nationaler Aufmerksamkeit fällt damit krachend in den Rahmen. Der Ausschlachtungskoeffizient für den Wahlkampf tendiert in Berlin gegen Null. Dennoch lässt die Causa Althaus Fragen offen, die ein wenig bundesweiter Betroffenheit wert sind. Der tiefe Fall des Thüringer Ministerpräsidenten hat Chancen, ins Arsenal der Lehrstücke über die Rolle des Zufalls in der Politik, über moralische Verantwortung, über Loslassen und die Grenzen der Vermarktung individuellen Schicksals einzugehen.

Über den Politiker Dieter Althaus haben höchst unpolitische Sekundenbruchteile auf einer österreichischen Ski-Piste entschieden. Ein fataler Zusammenstoß, zu dem seine Fahrlässigkeit beitrug - und der gläubige Katholik war aus der gemächlichen Lebensbahn eines Provinzpolitikers mit nationalen Ambitionen in einen Slalom moralischer und politischer Entscheidungssituationen gestoßen, dem er sich nicht gewachsen erwies.

Zwischen TV-Trash und Real-Politik

Während Dieter Althaus lange brauchte, so etwas wie Schuld am Tod einer Frau einzuräumen, begann er noch auf dem Krankenbett mit der Vermarktung seines (nicht ihres) Schicksals. Erst nutzte er den langsamen Genesungsprozess, um seine politische Haut gegen die Angriffe der Konkurrenz zu imprägnieren. Dann inszenierte er seine (und seiner Ehefrau) Trauer als Wahlkampf-Soap.

So wähnte der ehemalige Lehrer sich auf der Höhe der Medienwelt. Allein, die Soap-Konsumenten wussten sehr wohl zwischen TV-Trash und Real-Politik zu unterscheiden. Dass seine Parteifreunde das Comeback des potenziellen Siegers massiv betrieben, aber sich anschickten den tatsächlichen Verlierer so schnell wie möglich loszuwerden - konnte das einen verwundern, der versuchte, so abgebrüht zu sein wie Dieter Althaus?

Ja, Politik ist eine Droge. Ihr Wirkstoff heißt: Etwas bewirken können. Aber ist nicht wichtiger noch: wichtig sein, von den Bürgern, oder allgemeiner vom Publikum wichtig genommen werden? Das eint Politiker und Schauspieler, Sänger, Sportler, Schriftsteller, die den Zenit ihres Leistungsvermögens längst überschritten haben und doch nicht loslassen können.

Der Parteisoldat

So war Helmut Kohl am Ende seiner "ewigen" Rekordkanzlerschaft nicht in der Lage, die Zeichen der Zeit zu lesen. Auch Willy Brandt hielt nach seinem unverdienten Sturz aus dem Kanzleramt über die Zeit am SPD-Vorsitz fest, um ihn ob der Posse um eine Pressesprecherin hinzuschmeißen. Der Publizist Jürgen Leinemann hat die These von der "Politik als Droge", von der Sucht nach Öffentlichkeit am Personal der Berliner Republik scharfsichtig exemplifiziert. Jetzt bestätigt er sie, indem er den eignen Kampf mit dem Tod in aller publizistischen Öffentlichkeit austrägt.

Und da soll einer wie Althaus, 51, in den besten Jahren also, den vielleicht besten Teil seiner Karriere noch vor sich, so einfach aufgeben? Ja, er sollte. Besser: Er hätte sollen, ehe er von den Wählern eines Besseren belehrt wurde. Hat er aber nicht. Er steht nicht vor dem materiellen, aber vor dem politischen Nichts.

In dieser Situation hat er einen Archetyp politischen Lebens als letzte große Rolle für sich entdeckt: Die des Parteisoldaten, der für das wichtigere gemeinsame Interesse das eigene hintan stellt. So nutzt er am Ende doch nicht nur Bodo Ramelow, sondern der CDU - und vielleicht sogar der SPD, die er vor einem riskanten (Irr-)weg bewahrt.

Autor:  Thomas Kröter
Datum:  3 | 9 | 2009
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