Wenn einem heute in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schauer, der einen überfällt, sicher auch psychische Gründe. Mancher wird es bereuen, die schweißfeuchte Hand, die ihm gereicht wurde, gedrückt zu haben. Schul- und Kindergartenleiter werden aufmerksamer auf ihre Zöglinge achten.
Doktoren werden noch mehr eingebildete Kranke beruhigen und die Krankenhäuser mehr vermeintliche Notfälle behandeln. Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht.
Interaktive Grafik: Ausbreitung der Schweinegrippe
Drohen uns nun Zustände wie in Mexiko? Die Bilder von dort sind beängstigend: Menschen mit blauem und grünem Mundschutz. Forscher in Schutzanzügen. Geisterstädte, weil sich keiner mehr auf die Straße traut. Das öffentliche Leben bricht zusammen, Schulen und Kindergärten bleiben geschlossen. Reisende machen einen Bogen um das Urlaubsland.
Die weltberühmten Bauwerke der Azteken und Mayas dürfen wegen des Risikos nicht betreten werden. Touristen wird empfohlen, die Pyramiden nur noch im Internet zu besuchen. Wer dennoch die Reise nach Lateinamerika antritt, wird bei seiner Rückkehr zu Hause noch im Flugzeug von einem Arzt empfangen und untersucht. Die Weltgesundheitsorganisation erhöht ihre Warnstufe. Nach und nach wandert das Virus über die Kontinente.
Wir sollten nicht gleichgültig sein
Müssen wir uns fürchten? Ja. Aber wir dürfen nicht den Verstand dabei verlieren. Das ist angesichts der Fernsehbilder und der Dominanz des Themas in den Zeitungen - auch in der Frankfurter Rundschau - nicht ganz leicht. Trotz aller vernünftigen Experten-Ratschläge ist im Unterbewussten eine diffuse Angst vorhanden. Irgendwie erinnert die Szenerie an den Hollywood-Thriller "Outbreak - Lautlose Killer", in dem Dustin Hoffman gegen ein mysteriöses Todesvirus kämpft.
Wir sollten nicht gleichgültig sein, aber auch nicht panisch werden. Deshalb ist es sinnvoll, sich die Fakten anzusehen. Man muss zur Beruhigung gar nicht mit dem Dachziegel kommen, der einen jeden Tag unerwartet treffen kann. Nehmen wir nur einmal die Vorgängerkrankheit, die eine ähnliche weltweite Angst ausgelöst hat: H5N1 - die Vogelgrippe. Nahezu jedes Tier, das in Deutschland verendete, schaffte es ins Fernsehen. Männer in weißen Schutzanzügen schritten die Küsten auf der Suche nach toten Wildvögeln ab. Die Bilanz: Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation starben seit 2003 an der Krankheit 257 Menschen.
Zum Vergleich: Eine Grippewelle in Deutschland mit den bekannten Erregern kostet nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts pro Saison Tausende Menschen das Leben - trotz massenhafter Impfungen. Dennoch käme kaum jemand auf die Idee, in den kalten Monaten nur noch mit einer Gesichtsmaske auf die Straße oder in die U-Bahn zu gehen.
Wie gefährlich die Schweinegrippe wirklich ist, ist ebenfalls noch unklar. Die mexikanischen Gesundheitsbehörden gehen zwar von vermutlich weit mehr als hundert Todesfällen aus, nachgewiesen ist dies aber zunächst nur bei wenigen.
Und die Ämter betonen auch, dass Hunderte Menschen mit Infektionsverdacht bisher in Krankenhäusern versorgt und als gesund entlassen worden seien. Laut dem Robert-Koch-Institut gibt es Medikamente zur Behandlung der Schweinegrippe, die offenbar bei den Erkrankten in Deutschland schon zur Besserung führten.
Wir bemühen uns um solide Information und Aufklärung
Die Angst vor der Schweinegrippe ist dennoch ein Segen. Denn jeder weiß von dem Virus und dessen potenziell tödlicher Wirkung. Nicht nur Mexiko-Reisende sind informiert, auch jeder andere. Und vor allem: jeder Arzt. Die Aufmerksamkeit für diese Krankheit ist enorm. Das ist der beste Schutz vor den schlimmen Folgen der Infektion. So versteckt sich in der schlechten Nachricht des Tages eben eine gute:
Wir wissen es, dass das Virus Deutschland erreicht hat. Wir können uns darauf einstellen. Schimpfen Sie also nicht auf Ihre Zeitung oder Ihren Fernsehsender, die Ihnen mit Sonderseiten und Brennpunkten die Lust aufs Frühstück oder Abendessen verderben. Statt Panik zu schüren, bemühen sich die meisten um solide Information und Aufklärung.
Keiner kann mit Sicherheit sagen, wie es nun weitergeht, wo die Krankheit welches Ausmaß erreicht und ob das Virus beherrschbar bleibt. Sicher werden die bisher bekannten Fälle in Deutschland nicht die einzigen bleiben, möglicherweise wird es Todesfälle geben. Auf all dies müssen wir gefasst und vorbereitet sein. Die Angst vor der Schweinegrippe macht uns wachsam, Hysterie aber wird uns nur schaden.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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