Für den braven Soldaten Schwejk, jene so gewitzte Romanfigur des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Haek, gelten klare Unterscheidungen. Wenn die Waffen nach dem Ersten Weltkrieg schweigen, beginnt für ihn wieder die Normalzeit. Für den Fall hat er sich fest verabredet: Nach dem Krieg um sechs im Wirtshaus Zum Kelch.
Die Geschichte des modernen Kriegs hat unterdessen nicht nur dem vermeintlich naiven Fußvolk das Zeitgefühl erschwert. Was Krieg ist und wann wir ihn so nennen, ist zu einer komplexen politischen Frage geworden. Der asymmetrische Krieg, in dem sich immer häufiger internationale Schutztruppen und traditionelle Armeen mit regionalen Warlords und global operierenden Terroristen befinden, hat klare begriffliche Unterscheidungen zerstört.
Dem Dienst mit schwerem Gerät und Waffe geht seit geraumer Zeit ein Kampf um Worte voraus. Verteidigungsminister Franz Josef Jung forcierte diese Debatte jüngst, indem er zwar von gefallenen Soldaten sprach, aber mit Nachdruck dementierte, dass sich deutsche Truppen in Afghanistan im Krieg befinden. Eine Armee im Krieg, so Jungs Argument, baue nichts auf und bilde auch keine Polizeieinheiten für zivile Zwecke aus. Genau das aber verrichte die Bundeswehr in Afghanistan. Die Bundeswehr, so viel geht aus der ambivalenten Haltung des Verteidigungsministers hervor, befindet sich auch in einem rhetorischen Ausnahmezustand. Deutsche Soldaten im Auslandseinsatz sind bundesrepublikanische Realität; aber was sie dort tun, soll im bürgerlichen Bewusstsein nicht als Normalfall verbucht werden.
Zur Neudefinition des Militärischen in der Bundesrepublik soll nun auch eine kleine Plakette beitragen, die gestern zum ersten Mal an vier deutsche Soldaten verliehen worden ist: das Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit. Die vier jungen Männer hatten sich im Oktober 2008 um einen Kameraden gekümmert, der bei einem Selbstmordanschlag in der Nähe von Kundus schwer verletzt worden war. Es fällt nicht schwer, ihren Einsatz tapfer zu nennen. Sie riskierten ihr eigenes Leben, um einem anderen Soldaten das Leben zu retten. Das braucht Mut, Verantwortungsbewusstsein, Wehrhaftigkeit und wohl auch Glück.
Die jungen Männer brachten Zivilcourage auf, der dieser Name gerade auch dann gebührt, wenn sie in Uniform vollbracht wird. Die höchste Auszeichnung, die die Bundesrepublik für besondere Leistungen dieser Art zu vergeben hat, ist das Bundesverdienstkreuz. Wenn dieser Auszeichnung nun ein militärischer Orden hinzugefügt werden soll, ist es angebracht, dies auch als politischen Vorgang zu betrachten. Militärische Symbole bedürfen einer besonderen gesellschaftlichen Legitimation. Gerade diese aber fehlt dem neu entworfenen Ehrenkreuz, das ästhetisch und institutionell an das in der Zeit des Nationalsozialismus für immer diskreditierte Eiserne Kreuz erinnert. Das so bescheiden auf die Tagesordnung gesetzte Ehrenkreuz kann sich nicht frei machen von dem Verdacht, an eine militärische Tradition anzuknüpfen, die durch den Zivilisationsbruch nach 1933 im Nachfolgestaat des Dritten Reichs doch dringend einer besonderen Begründung bedürfte.
Man muss kein Pazifist sein, um diese symbolische Aufladung im Kontext der staatsbürgerlichen Ordnung abzulehnen. Die Bundeswehr hat ihren Beitrag zur Stabilisierung der bundesrepublikanischen Demokratie geleistet und eine klare Trennung zu den Verbrechen der Wehrmacht vollzogen. Dass die Definition des Soldaten als Staatsbürger in Uniform nicht bloß eine leere Formel ist, verdankt sich nicht zuletzt der engen Rückbindung militärischer Einsätze an politische Entscheidungen im Parlament. Was die Bundeswehr ist, was sie tut und wie man sie sieht, muss stets auch durch den politischen Willensbildungsprozess hindurch. Genau diesem Prozess aber scheint sich die symbolische Form des Ehrenkreuzes still und leise zu entziehen.
Glaubt man jüngsten Umfragen, dann lehnt ein Großteil der Bevölkerung Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Das Unbehagen, das diese Einsätze begleitet, korrespondiert mit einem Informationsdefizit über die militärische Präsenz deutscher Soldaten am Hindukusch und anderswo. Die Rolle des Staatsbürgers in Uniform hat sich in den vergangenen Jahren auf dramatische Weise verändert. Darüber muss offen diskutiert werden. Das Ehrenkreuz vernebelt, wo Beiträge zur Aufklärung unbedingt erforderlich sind.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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