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24. September 2012

Leitartikel: Arm und reich

 Von Arno Widmann
Wir brauchen die Reichen, die ihr Geld verbraten.  Foto: REUTERS

Alle versuchen für sich und die Ihren zu retten, was zu retten ist. In dieser Phase gilt ganz und gar nicht, dass, wenn es den Reichen bessergeht, auch der Rest der Gesellschaft davon profitiert.

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Alle versuchen für sich und die Ihren zu retten, was zu retten ist. In dieser Phase gilt ganz und gar nicht, dass, wenn es den Reichen bessergeht, auch der Rest der Gesellschaft davon profitiert.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Das sagt der neue Armuts- und Reichtumsbericht. Das sagte auch der davor und der davor und der... Dennoch tun wir so, als wären wir sehr überrascht. Als hätte die Arbeit des Gesetzgebers in den letzten Jahrzehnten nicht darin bestanden, Vermögen umzuschichten. Von unten nach oben.

Jeder Versuch ein wenig in die umgekehrte Richtung zu schieben, stößt auf vehemente Ablehnung. Nicht nur derer, die davon minimale Minderungen ihrer Einnahmen zu erwarten hätten, sondern auch auf den jener Spezialisten für das Ganze, die sofort aufsagen können, dass alles, was in dieser Richtung geschehen könnte, ja nicht viel bringe. Bringen tut etwas immer nur dann, wenn es Millionen Mitbürger trifft. Dazu muss man freilich nicht studiert haben, dazu braucht man nicht einmal einen Taschenrechner.

Vermögen in Deutschland
Vermögen in Deutschland

Wie lange erträgt eine Gesellschaft, dass die Reichen immer reicher werden? Darauf weiß niemand eine Antwort. Schon gar nicht zur Zeit. Welches große Vermögen von heute, wird morgen noch eines sein? Sicherste Gelddruckmaschinen verwandeln sich in gewaltige Kostenfaktoren.

Der Besitz einer Tageszeitung, wie die, die sie hier lesen, war jahrzehntelang, eine der sichersten Geldquellen. Heute weiß kaum noch eine, ob es sie in fünf oder drei Jahren noch geben wird. Wenn die Reichen von heute nicht mehr die Reichen von morgen sein werden, dann könnten zwar weiter immer weniger Menschen einen immer größeren Anteil am Vermögen haben, aber es könnten andere sein als heute oder gar gestern.

Das macht die Lage so prekär: Ganze Erwerbszweige sind nicht mehr lukrativ. Schlimmer noch: Man sieht nicht, wie, ja ob sie es jemals wieder werden können. Also täte man gut daran, dem immer schlechter werdenden – immer unprofitabler – werdenden Geld nicht noch schlechteres nachzuwerfen. Das wäre verantwortungslos.

Aber: das kostet Arbeitsplätze. Das schafft Armut. Das schafft doppelt Armut, wenn niemand weiß, wo das eingesparte Geld wieder profitabel eingesetzt werden kann. Wenn das niemand weiß, bleibt nur es auszuprobieren. Dafür braucht man viel Geld. Genauer: überflüssiges Geld, Geld, das man verbraten kann. Man könnte also sagen: Wir brauchen die Reichen.

Die Schere geht auseinander, weil die Verhältnisse für alle immer prekärer werden. Alle versuchen für sich und die Ihren zu retten, was zu retten ist. Denen, die viel haben, gelingt das besser als denen die weniger oder gar wenig haben. In dieser Phase gilt ganz und gar nicht, dass, wenn es den Reichen bessergeht, auch der Rest der Gesellschaft davon profitiert. Wenn es heißt „rette sich, wer kann“, dann wird nicht über „Wohlstand für alle“ (Ludwig Erhard) nachgedacht.

Die Umverteilung findet bereits statt. Nicht nur von unten nach oben, sondern auch die oben sind schwer damit beschäftigt, die Vermögen umzuverteilen. Die großen Kaufhäuser in den Innenstädten verschwinden, den Buchketten geht es jetzt an den Kragen, nachdem sie Hunderte kleiner Buchhandlungen platt gemacht hatten. Die Musikindustrie schnappt nach Luft. Möglicherweise sind es die letzten Atemzüge ehemaliger Giganten.

Noch ist ganz unklar, wo demnächst Geld gedruckt wird. So lange wird gegründet und eingestellt und wieder geschlossen und entlassen werden, solange werden ganze Industrien womöglich jahrzehntelang von staatlichen Subventionen oder Steuervergünstigungen oder Ähnlichem leben, um dann womöglich mit einem Schlag pleite zu sein. Das alles führt zum Ende der klassischen Erwerbsbiografie der Arbeiter und Angestellten, auf der unser Sozialsystem und die schönen Reihenhaussiedlungen unserer Vorstädte beruhen.

Das alles bedeutet, dass im nächsten Armuts- und Reichtumsbericht der Abstand zwischen Arm und Reich noch größer geworden sein wird. Bald werden die Reichen verschwunden sein zugunsten ein paar Superreicher und die untere Mittelschicht zugunsten der Armen.

Sowie man freilich ein wenig über den Rand der Bundesrepublik hinausblickt, scheut man sich von Armut zu sprechen. Weltweit leben mehr als eine Milliarde Menschen am Rande des Existenzminimums. Jeder siebte Mensch auf der Welt leidet Hunger. Alle drei Sekunden stirbt einer daran. Unsere Sorgen scheinen Luxussorgen. Aber sie hängen mit denen der Sterbenden zusammen. Wir werden ihnen nicht helfen können, wenn wir uns nicht helfen.

Und uns auch nicht, wenn wir keine Lösung für ihre Situationen finden. Da wir keine haben, müssen wir nach einer suchen. Wir müssen probieren. Experimentieren. Dabei wollen wir, je schlechter es uns geht, immer mehr nur eines: Sicherheit.

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