Sie erinnern sich, wie Sie den Abend des 9. November 1989 verbracht haben. Ganz sicher. Jedenfalls wenn Sie heute über dreißig sind. Dann wissen Sie noch, wer Sie aufgeregt angerufen hat: Hast du schon gehört, die Mauer ist offen! Sie sehen die Fernsehbilder vor Ihren Augen, die tanzenden und jubelnden und sich verbrüdernden Menschen, die Sektflasche in der Hand. Ja, Sie haben damals Tränen der Rührung vergossen - obwohl Ihnen persönlich die deutsche Einheit gar keine Herzensangelegenheit war. Sie wussten nicht einmal genau, wo Erfurt liegt und ob Sie Dresden auf der Landkarte östlich oder westlich von Leipzig suchen müssten? Sie dürfen das zugeben. Im Westen ging es fast allen so.
Vor 19 Jahren hat Deutschland den schönsten Tag seiner Geschichte erlebt. Den Tag, an dem die friedliche Revolution der Ostdeutschen triumphierte. Den Tag der Einheit. Die Spitzen der Republik haben später in ihrer ganzen spießigen Langeweile den 3. Oktober zum Nationalfeiertag erklärt. Jenen Tag also, an dem das Staatsprotokoll formell sanktionierte, was das ausgelassene Volk auf der Mauer bewirkt hat. Am 3. Oktober feiert die Politik sich selbst. Am 9. November darf das Volk sich feiern. Also stoßen wir an, mit einem Glas (Vorsicht, Werbung!) Rotkäppchen-Sekt. Die Nörgler unter uns nehmen eine Spreewaldgurke dazu. Damit die Bilanz, die wir jetzt ziehen, nicht zu süß ausfällt.
Zu meckern gibt es ja genug. Hatte nicht Helmut Kohl den Menschen blühende Landschaften versprochen? Und was ist daraus geworden? Blicken wir auf die Arbeitslosigkeit: 14 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, 15 Prozent in Sachsen-Anhalt, 14 Prozent in der vermeintlich boomenden Hauptstadt Berlin. Zum Vergleich: Bayern vier Prozent, Baden-Württemberg vier Prozent. Im Osten heißt es, der Westen habe mit der Treuhand die alten Kombinate abgewickelt und die Arbeitsplätze gleich mit. Dagegen ist wenig zu einzuwenden, das stimmt. Andererseits: Im Westen zahlt man zähneknirschend seinen Solidaritätszuschlag, immer noch. Ab und zu redet noch ein Politiker über den Erblastentilgungsfonds - und man fühlt sich bestätigt: die ganze Einheit, eine einzige Erblast.
Wenn der Westdeutsche zu Besuch in den Osten kommt, bewundert er die puppenstuben-blitzblank-sauber restaurierten Altstädte von Görlitz, Halle oder Weimar. Immerhin, er sieht, wo das ganze Geld hingeflossen ist. Aber er hört dann, dass die jungen Menschen trotzdem rübergemacht haben. Nach Braunschweig oder Offenbach, wo es nicht so schön aussieht, wo es aber eine Lehrstelle oder einen Job gab. Und ihm fallen die Glatzen im Straßenbild auf, die Springerstiefel und die Naziparolen. Die Demokratie wird offenkundig nicht mehr in ganz Deutschland als die beste aller Staatsformen empfunden. Undankbar, dieser Osten. Oder unreif.
Es ist also wahr: Die Einheit ist nicht nur gutgegangen. Ost und West haben auch fast zwei Jahrzehnte danach noch völlig unterschiedliche Sichtweisen auf die jüngste deutsche Geschichte. Jedenfalls die Älteren, die immerhin Ansichten haben. Im Gegensatz zu den Kindern der Einheit, die gar keine Kontroversen mehr austragen. Positiv gesagt, ist ihnen die deutsche Einheit eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich aber ist sie ihnen einfach egal. Die Geschichte der DDR taugt in ihrer Lebenswelt gerade noch als Filmkulisse, meist für Komödien. Muss ein skurriles Leben gewesen sein, mit Pionier-Halstuch, ohne Mallorca-Urlaub.
Wir könnten jetzt noch weiter lamentieren, über allerlei Ungerechtigkeiten im west-östlichen Rentenvergleich, über weiterhin bestehende Lohndifferenzen, über Krippenplätze und Ganztagsschulen - war ja nicht alles schlecht... Aber da es um den eigentlichen Nationalfeiertag der Deutschen gehen soll: Schluss damit. Für heute.
Nur noch eine Reminiszenz. Unter den Tausenden, die am Abend des 9. November 1989 von Ost-Berlin aus den Grenzübergang Bornholmer Straße überquerten, um das Abenteuer Westberlin zu erleben, war auch eine junge Naturwissenschaftlerin. Sie rief noch ihre Mutter an und forderte sie auf, schon mal das Westgeld aus der Schublade zu holen. Die beiden hatten einen Traum: Wenn die Mauer je fällt, gehen wir ins Kempinski, Austern essen. Angela Merkel und ihre Mutter aßen in dieser Nacht noch keine Austern, das wäre dann doch zu gewagt gewesen. Heute regiert die junge Frau von damals die Republik. Und auch wenn wir noch so viel an ihrer Politik auszusetzen haben: Welch ein Glück, dass das möglich ist!

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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