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Leitartikel: Auf die Stillen achten

Schulpsychologen können nicht alle Amokläufe verhindern. Sie sind oft überfordert. Wichtig für sie, aber auch für Lehrer, Schüler und Eltern ist eine "neue Kultur des Hinschauens". Von Yvonne Globert

Yvonne Globert ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Yvonne Globert ist Bildungsredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Ruhig, schüchtern, vielleicht etwas in sich gekehrt. So hatten die Leute Tim K. in Erinnerung. Dann erschoss er 15 Menschen - Mitschüler, Lehrer, zwei Angestellte eines Autohauses. Was sich da nach außen kehrte, hatte niemand geahnt. Wer hätte es auch können?

Bühne frei für die Psychologen. Sie sollen uns nun beantworten, was Tim K. zum Mörder machte. Leistungsbeflissene Eltern mit Liebe zur Schusswaffe? Mobbende Mitschüler? Ignorante Lehrer? Von allem etwas? Keine Berufsgruppe ist als Krisenhelfer und öffentliches Orakel nach menschlichen Katastrophen mehr gefragt. Das war nach dem Fall Erfurt so und nach Emsdetten nicht anders. Wie damals wiederholt sich auch der allgemeine Appell, die Zahl der Schulpsychologen deutlich zu erhöhen. Bei ihnen sollen rechtzeitig die Alarmglocken schrillen, wenn ein Jugendlicher durchdreht.

Bereits 1973 (!) beschloss die Kultusministerkonferenz der Bundesländer, die Zahl der Schulpsychologen kräftig zu erhöhen. Ein Psychologe sollte sich um maximal 5000 Schüler kümmern. Realität wurde der Wunsch nie. Tatsächlich sind es heute im Bundesschnitt mehr als doppelt so viele Schüler. Auch hier ist Baden-Württemberg ein trauriges Beispiel. Zwar hat Stuttgart die Zahl der Schulpsychologen vor zwei Jahren nach einer Amokdrohung auf gut 100 verdoppelt, landet aber im bundesweiten Vergleich dennoch nur auf dem drittletzten Platz.

Ist damit die Schuldfrage geklärt? Wer dies glaubt, hat schlicht keine Ahnung. Nicht von den Umständen an der Albertville-Realschule, die nicht vor einem Amoklauf gefeit war, obwohl sie einen Psychologen beschäftigte. Und auch nicht von den Bedingungen des Berufsstandes selbst.

Der gemeine Schulpsychologe ist per se kein Amoklauf-Verhinderer. Er muss sich mit all den Problemen befassen, unter denen die Schulen allgemein ächzen. Zum Psychologen schicken Lehrer Schüler, die ihnen zu viel rumzappeln, in der Schule versagen oder lieber gleich schwänzen. Kurz jene, die negativ auffallen. Nur: So einer war Tim K. nicht.

Es kommt hinzu, dass es sich bei den meisten Schulpsychologen, deren Berufsstand übrigens auch nicht geschützt ist, überwiegend um Diplom-Psychologen handelt. Nur von Fall zu Fall haben sie eine therapeutische Zusatzqualifikation. Ihrer breiten Ausbildung nach sind sie in der Regel gar nicht auf eine dermaßen gewaltbereite Klientel eingestellt. Insofern wird zumindest die allgemeine Psychologie schlicht überschätzt.

Psychologen können Amokläufe nicht verhindern. Sie können aber ihr Gespür für drohende Katastrophen sensibilisieren. Im Zuge der früheren Amokläufe haben Psychologen vereinzelt begonnen, sich zu Krisenmanagern weiterbilden zu lassen. Dazu gehört das Wissen über klassische Verhaltensweisen bisheriger Amokläufer ebenso wie Kenntnisse der Entwicklungspsychologie von Kindern und Jugendlichen. Dies gilt übrigens auch für Lehrer. Nur in der Zusammenarbeit mit ihnen kann eine gute psychologische Arbeit gelingen.

Ruhig, schüchtern, vielleicht etwas in sich gekehrt. Im Zweifelsfall ist das der Typ Schüler, der Pädagogen nicht unlieb ist. Wer schweigt, stört wenigstens nicht. Nur einen Tag nach dem Amoklauf in Winnenden hat der Aktionsrat Bildung, ein Gremium renommierter Bildungswissenschaftler, sein neues Gutachten vorgelegt. Seine Kernthese ist nicht neu, aus traurigem Anlass aber passend: Jungen sind die neuen Bildungsverlierer. Nicht allein, aber auch, weil sie sich schlechter anpassen als Mädchen und ihnen jedes Aufbegehren leicht als Unverschämtheit und totale Leistungsverweigerung oder gar Inkompetenz ausgelegt wird. Auf sie hat die Schule ihr strenges Auge gerichtet. In ihrem Schatten können Schüler Mitschüler gnadenlos mobben, können sich Opfer zurückziehen bis zur totalen Isolation. Im schlimmsten Fall lernen wir sie später kennen. Als Mörder in den Medien.

Was die Schulen brauchen, sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Wolfgang Bergmann, ist eine "neue Kultur des Hinschauens". Weg von den lauten Typen hin zu den stillen. Gerade ihnen fällt es schwer, Vertrauen aufzubauen. Eine dritte, neutrale Instanz ist wichtig und umso wertvoller, je gestörter das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist und je schlechter der Draht zu den Lehrern in der Schule: Psychologen können an dieser Stelle wichtige Wegbegleiter sein. Mehr tun können sie nicht.

Autor:  YVONNE GLOBERT
Datum:  13 | 3 | 2009
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