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Leitartikel: Aufs Gemeinwohl!

Wie ist Managern beizukommen, die einen gesellschaftlichen Schaden anrichten, der weit jenseits des Peanuts-Bereichs liegt? Sicher nicht mit populistischen Ideen à la Wulff.

Thomas Kröter ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Thomas Kröter ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Berlin.
Foto: fr

Geht es um Managergehälter? Ja, auch. Geht es um Wahlkampf? Selbstverständlich. Doch das ist nicht entscheidend. Vor allem geht es um Gerechtigkeit. In der Debatte, was "die da oben" verdienen dürfen und ob der Staat einen Deckel draufsetzen soll, entlädt sich tiefes Unbehagen derer "da unten".

Selbst die schlimmste Wirtschafts- und Finanzkrise seit Menschengedenken hat in der Wahrnehmung der meisten Menschen nichts an Großmutters Weltsicht geändert: Fett schwimmt oben!

Darauf reagiert die Politik, zumal die SPD, die als Partei der sozialen Gerechtigkeit nicht ihre schlechtesten Zeiten erlebt hat. Sie befindet sich keineswegs in schlechter Gesellschaft. Weltoberhoffnungsträger Barack Obama steht auch in Sachen Managerkritik an der Spitze der Bewegung.

Wie immer mit einem Pathos, das deutschen Politikern nicht zu Gebote steht. Die traktieren lieber Aktienrecht und "MaRisk", die Mindestanforderungen für Risikomanagement. Muss auch sein, soll aus Moral gesellschaftliche Praxis werden.

"Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat", schimpfte die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley nach ihren ersten Westerfahrungen. Dass beides nicht zwangsläufig deckungsgleich sein muss, finden altgediente "Westdeutsche", wenn eine Kassiererin mit dem Segen des Rechtsstaats entlassen werden kann, weil sie Pfandbons für 1,30 Euro unterschlagen hat (oder haben soll). Gleichzeitig kassieren Manager weiter Millionenbeträge, die ein Millionen-, manche Milliardenfaches dieser Peanutskrümel in den Sand gesetzt haben. Wie Oma sagte…

Christian Wulff, der Lieblingsenkel der Nation, will den Rechtsstaat nun gerechter machen. Behauptet er. Der Staatsanwalt soll bösen Managern auf die Bude rücken. Und dann? Wird er in 99,4 Prozent der Fälle wieder gehen. Denn wann es strafrechtlich relevant wird, wenn ein Boss (oder eine pelzbemäntelte Bossin) die Wirtschaftslage falsch einschätzt, kurz: Fehler macht, wie du und ich - dürfte höchst umstritten sein.

Also: Ablage Wahlkampfschrott! Ernster zu nehmen sind die Überlegungen der Berliner Koalitionsparteien. Aber nur ein wenig. Denn ob die Hauptversammlung, wie die Union will oder der Aufsichtsrat über die Managerbezüge entscheidet - was soll's!

Sicher, im einen Fall sind die Arbeitnehmervertreter beteiligt. Aber wenn die so dolle Kontrolleure wären, hätte es viele der Unternehmenskrisen und "Gehaltsexzesse" nicht geben dürfen. Hat es aber.

Richtig ist ein Grundgedanke in der Debatte: Der Erfolg eines Unternehmens sollte nicht mehr ausschließlich über den jährlichen Nettoertrag definiert werden. Dafür in den Dschungel des einschlägigen Rechts eine Schneise zu schlagen ist aller Ehren wert.

Aber die Eigentumsgarantie des Grundgesetzes dürfte noch dem heißesten Bemühen kühl Grenzen setzen. Und dennoch: Wohin das Streben nach 20-Prozent-plus-Renditen führt, haben wir gerade gesehen.

Die Perspektive langfristiger Solidität ist am Ende auch eher im Interesse eines Unternehmens und seiner Eigentümer. Objektiv gesehen. Wenn die aber subjektiv davon nicht zu überzeugen sind? Haben die Arbeitnehmer in der Pleite Pech gehabt.

Was der Staat sicher tun kann, ist, der staatlichen Förderung hoher Managerbezüge eine Grenze zu setzen. Freibeträge sind ein gängiges Mittel im deutschen Steuerrecht. Warum soll es keine Obergrenze für die Absetzbarkeit von Spitzengehältern als Betriebsausgaben geben?

Der Widerstand der Union gegen diese SPD-Idee soll die eigene Wirtschaftsklientel charmieren. Sachlich begründet ist er nicht. Beide Koalitionsparteien haben sich zudem auf eine Deckelung der Spitzenverdienste (500 000 Euro im Jahr) bei Banken verständigt, die Staats(knete)schutz wollen. Es geht also.

Was so leicht nicht geht, ist, brutal gesagt: Die unterschiedliche Betroffenheit reicher und armer Menschen durch die Krise grundlegend zu ändern. Unmöglich in einer Marktwirtschaft. Und die will auch die SPD nicht abschaffen. Was noch geht: Ein Gefühl dafür schaffen, dass alle einen Beitrag zu Krisenkosten und -bewältigung leisten. Und sich, wenigstens ein wenig, einschränken. Auch "die da oben".

Muss erst der Pleitegeier kreisen, damit eine wie die Witwe Schaeffler Hilfe bei der Gewerkschaft sucht? Gefragt ist nicht nur die mehr oder weniger wahlkampfgestimmte Politik. Mindestens so dringend gefahndet wird nach Managern und Unternehmern, die für sich ein Wort wieder entdecken, das, nein, nicht Karl Marx, sondern Ludwig Erhard gern gebraucht hat: Gemeinwohl!

Autor:  THOMAS KRÖTER
Datum:  3 | 3 | 2009
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