Jetzt ist aber wirklich Schluss. Heute Mittag fliegt US-Präsident Obama nach Hause. Wegen des Besuchs aus Amerika waren einige Staatslenker vom alten Kontinent ja aufgeregt wie die Schulbuben. Am Ende der Europa-Reise Obamas steht ein überraschender Befund: Der große politische Gewinner der Woche ist - die Türkei. Das mag nicht jedermann gefallen. Aber den Europäern ist in den vergangenen Tagen deutlich in Erinnerung gerufen worden, dass sie an den Türken nicht vorbeikommen. Wer glaubte, auf das reformmüde Land keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen, wurde eines Besseren belehrt. Zum Teil geschah das auf eine brachiale Art und Weise. Zum Teil mit freundlicher Unterstützung von Mr. Barack Obama.
Beim Londoner Weltfinanzgipfel der 20 wichtigsten Industriestaaten saß Premier Recep Tayyip Erdogan selbstverständlich mit am Tisch. Beim Nato-Treffen in und um Straßburg dominierte Staatschef Abdullah Gül die gesamte Veranstaltung, indem er lange Zeit die Ernennung Anders Fogh Rasmussens zum künftigen Generalsekretär blockierte. Beim europäisch-amerikanischen Gipfel in Prag warb Obama danach eindringlich für einen EU-Beitritt der Türkei. Und seine Europareise beendet der US-Präsident bewusst in Ankara und Istanbul. Er machte damit nicht nur deutlich, dass er den Dialog mit der islamischen Welt sucht. Sondern vor allem, dass Amerika die Türkei als strategischen, unverzichtbaren Partner betrachtet.
Gül und Erdogan können zufrieden sein mit dem Ertrag der vergangenen Woche. In Europa hingegen schnauben viele Protagonisten vor Wut. Schon gibt es wieder eine Grundsatz-Debatte über einen EU-Beitritt der Türkei. Frankreichs Präsident Sarkozy spricht sich dagegen aus. Das hat er zwar schon immer getan. Aber jetzt dürfte er auch noch sauer sein, weil ihm Gül seine schöne Straßburger Party vermasselt hat. Die deutsche Regierungspartei CSU forderte sogar, sofort die EU-Beitrittsverhandlungen zu stoppen. Dass ein derartiger Schritt katastrophale Folgen hätte, in der Außenpolitik wie in der türkischen Innenpolitik, ist den Christsozialen herzlich egal.
Es ist höchste Zeit, in den europäisch-türkischen Beziehungen abzurüsten. Emotional und verbal. Die Türken sollten aufhören, sich ständig von ihren europäischen Partnern bevormundet zu fühlen. Die politische Klasse des Landes pflegt einen Nationalismus, wie er in Europa in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts anzutreffen war. Das gilt für die säkularen Eliten der Türkei wie für die frommen Aufsteiger vom Schlage Erdogans. Derartige Denkmuster helfen dem Land nicht weiter, wenn es eines Tages EU-Mitglied werden will. Fordert Europa von den Türken mehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gute Beziehungen zur direkten Nachbarschaft, hat das nichts mit neokolonialer Einmischung zu tun. Es geht allein darum, grundlegenden Werten der Gemeinschaft Geltung zu verschaffen. Das müssen die Türken akzeptieren. In Europa wiederum sollte man aufhören, die Türkei als Akteur zweiter Klasse zu betrachten. Wie alle übrigen Staaten der Erde hat selbstverständlich auch die Türkei das Recht, für ihre Interessen einzutreten und alle legitimen Hebel zu benutzen, um diese durchzusetzen. In den EU-Staaten ist oft gleich von Erpressung oder christlich-islamischem Kulturkampf die Rede, wenn Ankara seine Möglichkeiten zur Einflussnahme nutzt.
Man konnte das gut beim Nato-Gipfel studieren: Angesichts des Gezerres um den künftigen Generalsekretär taten Kommentatoren aus Politik und Medien so, als erlaube sich die Türkei etwas Unverschämtes, ja als finde inmitten des Bündnisses eine Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und Mittelalter statt. Um die Frage, ob mit der Berufung des Fogh Rasmussens nicht tatsächlich ein falsches Signal an die islamische Welt gesendet wird, ging es gar nicht. Dabei kann man einiges gegen den Dänen vorbringen. Zwar nicht sein Verhalten im sogenannten Karikaturen-Streit, der vor drei Jahren hohe Wellen schlug. Aber bestimmt die Tatsache, dass er Bushs Angriffskrieg gegen den Irak unterstützte und als Premier keinerlei Skrupel zeigte, sich im Kopenhagener Parlament von einer rechtspopulistischen Gruppierung tolerieren zu lassen.
"Wir" und "die": Das sind die Kategorien, mit denen Europäer und Türken ihr Verhältnis zueinander beschreiben. Sie sind Gefangene ihrer Geschichte und haben Angst davor, sich selbst zu befreien. Barack Obama wirbt für eine europäische Türkei. Die Arbeit daran beginnt im Kopf.
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