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Leitartikel: Benedikt und der alte Argwohn

In Großbritannien bewegt sich der Papst auf extrem heiklem Terrain. So teilt er denn aus: hier ein Lob der Toleranz, dort die Verdammung eines „aggressiven Säkularismus“.

Auf diese Worte haben Millionen von Katholiken gewartet, seit Monaten. Im Flugzeug, auf dem Weg nach Großbritannien, äußerte sich Papst Benedikt XVI. schockiert über die sexuellen Übergriffe von Priestern. Das hat er auch in der Vergangenheit schon getan, und er hat auch um Vergebung gebeten, allerdings immer nur für die Verfehlungen einzelner Verirrter. Erst jetzt bekannte das Oberhaupt der Katholiken, dass die Kirche als Ganze, als Institution versagt habe. Sie sei nicht wachsam genug gewesen, habe nicht schnell genug und nicht entschlossen genug gehandelt.

Der Unfehlbare hat Fehler eingeräumt, wenn auch nur über die Medien. Die Vertrauenskrise der katholischen Kirche ist damit nicht einfach aus der Welt geschafft. Doch vor allem die Opfer haben auf diese Einsicht gewartet, und nur sie kann dazu führen, dass alle Maßnahmen, die solche Übergriffe in Zukunft verhindern sollen, zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit erhalten. Warum aber kommt sie erst jetzt? Bedurfte es dafür erst des Drucks, wie er vor einer der schwierigsten Auslandsreisen des Papstes entstanden ist?

Vier Tage lang besucht Benedikt Großbritannien, und das ist kein Heimspiel wie in Portugal oder auf Malta. Seitdem sich das sperrige Inselkönigreich vor fast 500 Jahren von Rom losgesagt hat, sind die Beziehungen bestenfalls fragil, die Katholiken stellen eine kleine Minderheit dar. 1982 betrat schon einmal ein Papst britischen Boden, doch Johannes Paul II. kam nur zu einem Pastoralbesuch, nicht zu einer Staatsvisite. Ihm, dem Popstar, lag selbst das protestantische England zu Füßen.

Der Papst aus Deutschland kann auf einen solchen Bonus nicht bauen, im Gegenteil. Nur 60.000 kamen zur ersten Messe, weit weniger als erwartet. Der Besuch war seit Monaten überschattet von Protesten, Drohungen und mehr als bissigen Attacken, seit gestern ist er auch noch schwer belastet durch die Verhaftung von einigen Terrorverdächtigen. Da trug es nicht gerade zur Entspannung bei, dass ein bekannter und respektierter Theologe aus Deutschland der Insel wenige Tage vor dem Besuch in einem Interview „aggressiven Neu-Atheismus“ und den Nimbus eines „Dritte-Welt-Landes“ beschied. Immerhin war Kardinal Walter Kasper bis vor kurzem „Ökumene-Minister“ des Papstes in Rom. Das mediale Echo jenseits des Kanals ließ nicht auf sich warten.

Jeder Schritt des Papstes wird genau beobachtet, jedes seiner Worte genau abgewogen. Der kluge Theologe Ratzinger weiß das selbstverständlich und hat zumindest einige Ressentiments gedämpft, indem er sich vor dem toleranten Großbritannien und dessen Kampf gegen die Barbarei des Nationalsozialismus verbeugte. Die sonst so scharfen britischen Medien bedankten sich mit plötzlich fast liebevollen Berichten. Auch die Queen, Oberhaupt der anglikanischen Kirche, empfing ihr Gegenüber aus Rom wohlwollend. Mit engagiertem Dialog könne der „alte Argwohn“ überwunden werden, sagte sie. Das allerdings war mehr als eine höfliche Floskel. Denn es gibt neuen Anlass für den 500 Jahre alten Argwohn.

Benedikt XVI. gilt nicht gerade als uneingeschränkter Förderer der Ökumene. Dafür hat er anglikanischen Geistlichen, denen die eigene Kirche zu liberal geworden ist, Zuflucht unter dem schützenden Dach der katholischen Kirche angeboten. Sie dürfen dafür sogar weiter verheiratet bleiben und ihre Riten beibehalten, ein sehr weitgehendes Zugeständnis von einem, der die Abschaffung des Zölibats sonst strikt ablehnt. Am Sonntag wird er das historische Vorbild dieser Art von Annäherung, den im 19. Jahrhundert zum Katholizismus konvertierten Kardinal John Henry Newman, seligsprechen, eine Botschaft, die jeder versteht.

Das gilt erst recht für das Leitmotiv dieser Reise, das Benedikt auch gleich anstimmte. Die Gefahren eines „aggressiven Säkularismus“, die christlichen Werte, die auch in einer multikulturellen Gesellschaft bewahrt werden müssen – diese Themen treiben den Papst im Innersten um. Es ist das Kernthema seines Pontifikats, ist seine Mission. Erst kürzlich schuf er in Rom einen neuen Päpstlichen Rat zur „Neuevangelisierung“, eine außerhalb des Vatikans bislang kaum beachtete Personalie. Der soll dort tätig werden, wo der christliche Glaube eine lange Tradition hat, die Säkularisierung aber voranschreitet, in westlichen Ländern also. Nirgends in Europa hat er so viel Arbeit vor sich wie in Großbritannien.

Datum:  17 | 9 | 2010
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