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15. August 2012

Leitartikel: Beschneidung und Holocaust

 Von Christian Bommarius
Gegner der Beschneidung berufen sich auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit.  Foto: dpa

Es ist natürlich schön, dass die Deutschen ihre Haltung zu den Menschenrechten derart modifiziert haben, dass sie heute glauben, den Juden darin Unterricht erteilen zu können.

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Fast die Hälfte der Deutschen ist der Ansicht, dass die religiös motivierte Beschneidung als rechtswidrige Körperverletzung anzusehen und deshalb zu bestrafen sei. Sie stimmen der Auffassung des Kölner Landgerichts zu, wonach weder das Erziehungsrecht der Eltern noch deren Religionsfreiheit die Verletzung des Kindes rechtfertigten. Vielmehr bedeute die Operation einen schweren Eingriff in die vom Grundgesetz geschützte körperliche Unversehrtheit des Jungen. Sie sind von der Reaktion der Juden überrascht – manche sind oder geben sich sogar bestürzt –, die für den Fall eines Beschneidungsverbots vor dem Ende der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland warnen.

Thema: Beschneidung

Beschneidung an Jungen - Körperverletzung oder harmloser Eingriff? Diskutieren Sie mit.

Nicht nur Überraschung und Bestürzung, sondern Abscheu und Empörung aber löste unter ihnen die Behauptung von Rabbinern aus, ein Verbot wäre die schwerste Attacke auf das jüdische Leben in Deutschland seit dem Holocaust. Wie bitte? Was hat der Schutz des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit mit dem Genozid an den europäischen Juden zu tun, was das Verbot eines blutigen archaischen Rituals durch ein Gericht im Namen des deutschen Volkes mit dem Massenmord in Auschwitz, Treblinka und Sobibor? In einem Wort: Alles.

22 Jahre lang – von 1923 bis 1945 – hat der berüchtigte Judenhetzer Julius Streicher in seinem antisemitischen Kampfblatt „Der Stürmer“ („Die Stimme des deutschen Volkes“) die Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa herbeigeschrien. Seinen pathologischen Hass auf die Juden begründete Streicher selbst noch im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1945/46 erstens mit den vom „Weltjudentum“ ausgehenden Gefahren, zweitens mit der Beschneidung. Sie sei ein ebenso „genialer“ wie „teuflischer Einfall“, zu nichts anderem ersonnen, „um das rassische Bewusstsein“ der Juden zu erhalten. Immerhin verzichtete Streicher angesichts des drohenden Todesurteils darauf, seine im „Stürmer“ immer wieder verbreitete These vom Zusammenhang zwischen „Ritualmord“ und Beschneidung nochmals zu entfalten.

Antisemitischer Wahn

Den Ritualmord von Juden an Christen hat es nie gegeben, aber für den Antisemitismus war er schon immer nützlich, für Streichers antisemitischen Wahn war er unentbehrlich: „Der Jude, der den Nichtjuden ’ritualiter’ entblutet, will damit Jahwe beschwichtigen, seinen Zorn von den eigenen Sünden auf den Geschächteten gleichsam als seinen Stellvertreter hinlenken und sich mit den Säften des Opfers reinwaschen.“ Das Blut der nichtjüdischen Opfer erfüllte aber, schrieb Streicher, noch einen andern Zweck: „ Die Beschneidungswunde wird mit Christenblut gestillt.“ Das ist krank? Das ist verrückt? Das war die Stimme des Antisemitismus nicht erst in der NS-Zeit, die die Türen der Gaskammern öffnete.

Mag sein, dass ein Teil der Deutschen das vergessen hat, die nun so heftig nach dem Verbot der Beschneidung verlangen. Darum ist es nicht nur hilfreich, sondern dringend geboten, dass die Rabbiner den Zusammenhang von Beschneidungsverbot und Holocaust ihnen in Erinnerung rufen. In wünschenswerter Deutlichkeit hat das der französische Philosoph Alain Finkielkraut getan: „Die Antisemiten in Nazi-Deutschland hassten die beschnittenen Juden. Und jetzt stellt das humanistische Deutschland im Namen des Gutmenschentums die Beschneidung wieder auf den Index.“ So ist es.

Zwar sind es keineswegs in erster Linie die sogenannten Gutmenschen, die den Juden ihre religiösen Rituale auszutreiben versuchen – auch die vulgären Antisemiten melden sich zu Wort –, aber nicht zu überhören ist der selbstgerechte Ton, in dem den Juden ein zeitgemäßes Grundrechtsbewusstsein eingebläut werden soll. Auch hier ist das allzeit gute Gewissen der Menschenrechtsfundamentalisten ihrem Gedächtnis beachtlich überlegen. Als die „Stimme des deutschen Volkes“ zu den Juden zuletzt über die Menschenrechte sprach, klang das – in der „Stürmer“-Ausgabe Nr. 28 von 1942 – so: „Zu den zahllosen Mitteln, mit denen das Judentum die Welt sich gefügig machen und zu unterjochen bestrebt war, gehörten auch die verschiedenen Organisationen zur Wahrung der ’Menschenrechte’... Die ’Rechte der Menschheit’ waren nur das Aushängeschild, hinter dem der Jude ganz andere letzte, euch verhüllte Ziele seines Asiatenblutes verfolgte.“ Es ist natürlich schön, dass die Deutschen ihre Haltung zu den Menschenrechten derart modifiziert haben, dass sie heute glauben, den Juden darin Unterricht erteilen zu können.

Noch schöner wäre es, ihnen würde bewusst, wie lächerlich und beschämend ausgerechnet in Deutschland – als einziger Demokratie der Welt – ein Beschneidungsverbot wäre. Es wäre ein Triumph hochnäsiger Geschichtsvergessenheit.

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