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12. April 2011

Leitartikel: Beschönigt und geschwiegen

 Von 
Spezialeinheiten messen auf einem Feld innerhalb der Sicherheitszone von Tschernobyl die Radioaktivität (Archivbild vom Mai 1986). Nach Aussagen der Betreiberfirma Tepco könnte der GAU in Fukushima die Katastrophe in Tschernobyl übertreffen.

Die Informationspolitik zu Fukushima war ein Skandal. Jetzt erst räumt die Regierung das ganze Ausmaß der Katastrophe ein. Derweil wenden sich die Japaner von der Atomenergie ab.

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Die Informationspolitik zu Fukushima war ein Skandal. Jetzt erst räumt die Regierung das ganze Ausmaß der Katastrophe ein. Derweil wenden sich die Japaner von der Atomenergie ab.

Es ist ein Schock in Zeitlupe. Seit über einem Monat verfolgt die Welt gebannt und zunehmend fassungslos den Super-GAU von Fukushima, der sich nach und nach vom unklaren Störfall zum „katastrophalen Unfall“ der Tschernobyl-Kategorie entwickelt hat. Nun hat Japans Atombehörde mit ihrer Hochstufung der „Havarie“ in die oberste Kategorie der internationalen Atomstörfall-Skala endlich offiziell eingeräumt, dass das Geschehen im und rund um das zerstörte Atomkraftwerk alle erträglichen Dimensionen übersteigt. Fuku-shima potenziert das unermessliche Leid, das über Japan schon durch Erdbeben und Tsunami gekommen ist.

Bei allem Atom-Horror darf nicht vergessen werden, dass durch die „Natur“-Katastrophe vom 11. März 25000 Menschen oder mehr umgekommen sind. Auch einen reichen Staat wie Japan bringt das an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Überheblichkeit ist also fehl am Platze. In den USA oder Deutschland wäre es nicht anders. Unbegreiflich trotzdem, wie dilettantisch der AKW-Betreiber Tepco und die Regierung in Tokio einen Monat lang mit dem sich geradezu lehrbuchartig entwickelnden Atomdesaster umgegangen sind. Alles im Griff, ausgetretene Strahlung ungefährlich, Evakuierung unnötig, brauchen keine Hilfe aus dem Ausland – so begann es. Inzwischen räumt Tokio ein, möglicherweise sei bereits jetzt mehr Radioaktivität ausgetreten als 1986 in Tschernobyl.

Ein Déjà-vu, das offenbar auch der Nukleartechnologie geschuldet ist, die, wenn aus dem Ruder gelaufen, monströs und unbeherrschbar wird. Alles erinnert fatal an den Umgang der damaligen sowjetischen Führung mit Tschernobyl. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Sie informierte erst mit Tagen Verspätung über eine „Havarie“, evakuierte die Menschen in der Umgebung zu spät und verheizte dann Hunderttausende „Liquidatoren“ im Strahlenfeld, um die Atomruine zu bändigen.

Die Zeit der Verharmlosung ist vorbei

In Japan scheint die Verantwortlichen von Premier Naoto Kan abwärts zu dämmern, dass die Kombination aus Abtauchen, Entschuldigungen und leeren Versprechen den Menschen nicht hilft. Zumindest revidieren sie Positionen, an denen sie vorher halsstarrig festhielten. Endlich wird zum Beispiel die 20-Kilometer-Evakuierungszone ausgeweitet, wie nicht nur Greenpeace, sondern auch die internationale Atombehörde es seit mehr als einer Woche fordern; das war ganz offensichtlich keine Panikmache, wie Tokio ihnen vorwarf. Dann aber gibt Kan wieder Durchhalteparolen aus, die ihm niemand mehr abnimmt. „Schritt für Schritt“ verbessere sich die Lage in Fukushima, teilt er mit. Jeder weiß doch: Die Fukushima-Sperrzone bleibt auf Generationen unbewohnbar, und es dauert Monate, wenn nicht Jahre, bis das AKW-Monster unter einem Sarkophag aus Stahl und Beton verschwindet.

Japans Katastrophe
Test auf Strahlenspuren.

Live-Ticker, Bilder, Videos und Grafiken, Hintergründe, Spendenadressen und vieles mehr im Spezial zur Katastrophe in Japan unter fr-online.de/japan.

Die Zeit der Verharmlosung des Super-GAU von Fukushima ist vorbei. Was bei Harrisburg und Tschernobyl noch funktionierte, klappt nicht mehr. Weder ist es gerade noch einmal gutgegangen wie 1979 in den USA, noch war kommunistische Schrotttechnik an der Katastrophe schuld wie 1986 in der Ukraine. Fukushima, die Katastrophe im Hightech-Land, ist der Beleg: Eine Technologie, die die Verwüstung ganzer Regionen als mögliche Begleiterscheinung hat, ist nicht verantwortbar, ihr Risiko kein „Restrisiko“. Japan lernt diese grausame Lektion stellvertretend für die anderen Länder, die sich von der Kernspaltung abhängig gemacht haben.

Mit Verzögerung dreht sich in dem bisher so technikgläubigen Land der Wind in der öffentlichen Meinung. Vor Fukushima gab es hier kaum AKW-Gegner, inzwischen ist die Hälfte der Bürger für einen Atomausstieg. Voriges Wochenende erlitt Premier Kans Demokratische Partei auch wegen des Fukushima-Debakels eine Schlappe bei den Regionalwahlen. Kurz nach Beginn des Super-GAU wagte praktisch niemand, die Fortführung des japanischen Atom-Ausbauprogramms mit 14 neuen Reaktoren in den nächsten zehn Jahre infrage zu stellen. Jetzt traut sich nicht einmal mehr der Premier, den Atom-Hardliner zu geben.

Sein Gesicht könnte Kan wahren, indem er einen Post-Fukushima-Wiederaufbauplan mit forciertem Umstieg auf erneuerbare Energien auflegte. Japan hat dafür sehr gute Voraussetzungen, wie nicht zuletzt eine ausgerechnet von Tepco selbst in Auftrag gegebene, dann aber unterdrückte Studie aufgezeigt hat. Es wäre, am Ende der Nacht von Fukushima, das Land der aufgehenden Sonne.

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