Alles schien so schön ausgedacht. Jedenfalls, wenn man Weltpolitik als Brettspiel mit Figuren begreift. Schon seit langem macht die Regierung von Barack Obama keinen Hehl daraus, dass sie Hamid Karsai gerne loswerden würde, vermutlich auch, weil der Präsident Afghanistans zusehends wagte, auf die Souveränität seines Landes zu pochen und die Westmächte zu kritisieren. Die Chance ihn zu kippen, witterten die USA angeblich bei einer Stichwahl, also einer zweiten Wahlrunde. Sollte es dazu kommen, dann, so wurde Wochen vor den Wahlen kolportiert, könnte ein Gespann aus dem Tadschiken Abdullah Abdullah und dem US-Liebling, dem ehemaligen Weltbank-Mitarbeiter Ashraf Ghani, den früheren Bush-Günstling Karsai bezwingen.
Doch Washingtons Plan ging grandios schief, und der Westen steht nun vor einem weiteren Scherbenhaufen am Hindukusch. Zur Nagelprobe für seinen Einsatz hatte er den Urnengang stilisiert, doch die Wahlen erscheinen immer mehr als trauriger Witz. Und der Schuldige ist ausgemacht: Vor allem Karsai wird - vermutlich völlig zu Recht - vorgeworfen, nach Strich und Faden gefälscht und betrogen zu haben. Doch das Debakel ist auch das Ergebnis einer verunglückten Strategie der USA. Schon vor den Wahlen hatte Washington Karsai derart munter demontiert, als wäre er politisch bereits abgeschossen.
Wenig weitsichtig war das. Und gefährlich obendrein. Denn es trieb Karsai unnötig in die Konfrontation. Von Anfang an waren diese Wahlen weniger ein Duell zwischen Karsai und Abdullah & Co als vielmehr zwischen Karsai und Washington. Der Paschtune dachte nicht daran, sich abservieren zu lassen. Er versucht nun seinerseits, die Supermacht USA auszutricksen. Um eine Stichwahl partout zu verhindern, mauschelte Karsai offenbar so skrupellos, dass er schon in der ersten Runde über die magischen 50 Prozent kam. Glaubwürdig ist dieses Ergebnis kaum.
Die Wahlen in Afghanistan geraten zur langen Posse, deren Ausgang weiter offen ist. Die USA sinnen nun darauf, wie sie aus dem Schlamassel herauskommen. Gemeinsam mit den Vereinten Nationen können sie versuchen, Karsai den Sieg noch abzuerkennen. Der Hebel dazu ist die von den UN dominierte Wahlbeschwerdekommission. Diese ordnete prompt an, viele Stimmen neu auszählen. Es sei fraglich, ob Karsai wirklich über 50 Prozent liege, sagte der Chef der europäischen Wahlbeobachter und winkte bereits mit einer möglichen Stichwahl. Aber auch Karsai hat seinen nächsten Schachzug schon geplant: Angeblich will die von ihm kontrollierte Wahlkommission seinen Sieg noch vor der Neuauszählung verkünden - und damit vollendete Tatsachen schaffen.
Einige US-Kommentatoren spekulieren, dass die USA sich am Ende mit Karsai abfinden müssen. Dies würde den Afghanen zumindest ersparen, bei einer Stichwahl erneut ihr Leben zu riskieren. Zumal der US-Hoffnungsträger Ghani weit schlechter abschnitt, als erwartet, und Karsai auch eine Stichwahl wahrscheinlich gewinnen würde. Allerdings ist das Klima zwischen Karsai und den USA schwer vergiftet. Während die Obama-Regierung aus allen Rohren schießt, gefällt sich Karsai in der Rolle des afghanischen Patrioten, der der Supermacht die Stirn bietet. Das ist allerdings auch nur Pose, denn am Ende braucht Karsai die USA. Ohne ihr Geld, ihre Macht und ihre Waffen kann er politisch nicht überleben.
Das wahre Problem liegt woanders. Eine Regierung Karsai steht schon angeschlagen da, bevor sie überhaupt antritt. Der mutmaßliche Wahlbetrug hat ihre Legitimität und ihre Autorität völlig untergraben. Das kann nicht im Interesse des Westens sein. Eine schwache Regierung ist das letzte, was Afghanistan braucht. Nur eine starke Führung kann es wagen, gegen Korruption, Kriminalität und Drogen anzugehen. Das dürfte Karsai nun noch schwerer fallen: Der Gegenwind aus den USA im Wahlkampf trieb ihn in Bündnisse mit Islamisten und brutalen Warlords, die über gewichtige Stimmenpakete verfügen. Er ist ihnen nun zu Dank verpflichtet.
Einzig auf Karsai einzuprügeln, löst die Probleme nicht. Es wird höchste Zeit, dass die USA ihre eigene Strategie hinterfragen. Karsai mag nicht ihr Wunschkandidat sein. Aber - Wahlbetrug hin, Wahlbetrug her - er genoss zumindest bisher und wahrscheinlich noch immer unter allen Kandidaten den meisten Rückhalt im Volk. Das sollte auch der Westen bedenken.
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