Hollywood legt den Verdacht nah, dass Gladiatorenkämpfe erst eine große Sache wurden, als abartige Irre auf dem Thron, wie Caracalla, das römische Imperium zugrunde richteten. Das stimmt nicht. Von Kaiser Trajan heißt es, er habe den Plebs mit besonders langen und üppigen Spielen bei Laune gehalten. Nach allem, was man weiß, hatte der seine Murmeln beieinander und regierte ziemlich erfolgreich.
Dass es der Unterhaltungsindustrie in Zeiten des ökonomischen Niedergangs besonders gutgeht, weil sich die Menschen von ihren Alltagsnöten ablenken wollen, ist wohl eher eine Theorie aus dem späten 20. Jahrhundert. Und sie steht, soweit es den professionellen Sport als Teil der großen Entertainment-Maschine betrifft, derzeit auf dem Prüfstand. Fast täglich ergehen sich Medienschaffende angesichts der kriselnden Weltwirtschaft in Untergangsfantasien für die Branche.
Sportler und Sportveranstalter verlieren namhafte Geldgeber. Niemand ist vor der Sparwelle der großen Konzerne gefeit, die ihre Werbe- und Sponsoring-Etats gnadenlos zusammenstreichen. Es trifft die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA, die Mitarbeiter entließ, den Motorsportzirkus Formel 1 oder Ausnahme-Golfer Tiger Woods ohne Unterschied. Londons Olympia-Planer für die Sommerspiele 2012 hangeln sich von Sparplan zu Sparplan. Spanische Fußballklubs wanken, weil sich so mancher Baulöwe im Präsidentenamt sein teures Hobby angesichts abstürzender Immobilienpreise im Land nicht mehr leisten mag oder kann. In Italien können viele Fußball-Zweitligisten ihren Profis die Gehälter nicht mehr zahlen. In der englischen Premier League, lange als Vorbild für den deutschen Profifußball gepriesen, geht die Angst um. Einige Trikotsponsoren wurden von der Krise rasch dahingerafft. Dem Vorzeigeklub Manchester United empfahlen Kommentatoren schon bissig, den Schriftzug AIG auf den Leibchen von Cristiano Ronaldo und Co. doch durch FED zu ersetzen, nachdem die US-Notenbank die Mehrheit am taumelnden Versicherungsriesen übernommen hatte. Und falls sich Klubbesitzer wie der Isländer Björgolfur Gudmundsson (West Ham United), Großaktionär der zwangsverstaatlichten Landsbanki, oder der angeblich in den vergangenen Monaten um einige Milliarden ärmer gewordene Chelsea-Boss Roman Abramowitsch zurückziehen, hinterlassen sie heillos verschuldete Vereine.
Seltsam genug, dass die bedrohliche Lage dem Größenwahn im Fußballgeschäft bislang wenig anhaben kann. Als Thailands Ex-Premier Thaksin Shinawatra den englischen Erstligisten Manchester City verkaufen musste, weil im Zuge von Korruptionsvorwürfen seine Konten eingefroren worden waren, fand sich sogleich eine milliardenschwere Investorengruppe aus Abu Dhabi, die den Verein unter Europas Topklubs etablieren will und als Antrittsgeschenk den brasilianischen Nationalspieler Robinho mitbrachte - für schlappe 40 Millionen Euro Ablöse an Real Madrid.
Den Fans scheinen die unsittlichen Summen bislang nicht aufzustoßen. Während Topmanager in der Krise nicht mehr ungeniert zulangen können, ohne sich Kritik gefallen lassen zu müssen, werden die üppigen Honorare der Sportmillionäre so achselzuckend hingenommen wie die hohen Eintrittspreise. Vor allem für den Fußball gilt: Im Stadion macht die Neidgesellschaft Pause. Der von vielen europäischen Topklubs begehrte deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, heißt es lapidar, könne sich aussuchen, ob er für sechs Millionen Euro im Jahr weiter für Bayern München kickt, oder für ein paar Millionen mehr bei Real Madrid oder Juventus Turin. Die City-Scheichs wollen den italienischen Torhüter Gianluigi Buffon angeblich mit 15 Millionen jährlich ködern.
Dass das angesichts der auch und gerade im Leistungssport unübersehbaren Folgen des Finanzbebens bekloppt ist, erkennt jeder, aber niemand sagt es. Krise? Welche Krise? Das System würde wohl erst infrage gestellt, wenn es bereits kollabiert ist. Die Bundesligisten könnten von den aktuellen Problemen in England, Spanien und Italien sogar profitieren. Weil Investoren sich bei ihnen nicht mehrheitlich einkaufen dürfen und die Ligazentrale das Geschäftsgebaren seriös prüft, gibt es keine Pleitekandidaten. Und weil die TV-Sender die Sportware für unverzichtbar halten, werden die Einnahmen der deutschen Profivereine in den nächsten Jahren leicht steigen. Das kann helfen, um den Plebs mit möglichst üppigen Spielen bei Laune zu halten.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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