Vater strebt zum Fußballplatz, Bezirksliga, da kennt er jeden Zuschauer. Mutter ist froh, wenn sie das Bad endlich ganz für sich hat und gießt das Melisse-Öl ins Wasser. Die Kinder, frühpubertär, haben sowieso Eigenes vor, bloß nicht gemeinsam mit diesen peinlichen Eltern. Deutscher Sonntag, die Familienvariante. Bei Singles nebenan wird sudokut, bis der Film anfängt.
Diese "Tage der Ruhe und der seelischen Erbauung" (O-Ton Grundgesetz, Artikel 140) hat das Bundesverfassungsgericht gerade gerettet vor schnödem Kommerz und profanen Shopping-Freuden. Die Sonntage, zumal die vier vor Weihnachten, gehören der Kirche, der Familie und nicht dem Mammon. Und wenn die Karlsruher Richter sinnieren über den religiösen Charakter des freien Tags und dessen zugleich weltlich-neutralen Wert für die Gemeinschaft, dann schleicht sich in die Urteilsbegründung glatt so ein kapitalismuskritischer Ton, wie ihn Papst und Pfarrerinnen zu höheren Festen pflegen.
Um es nicht zu verwischen unter den Vorbehalten, die gegen den Urteilstenor auch angebracht sind: Es ist gut, dass Karlsruhe die Reißleine zieht. Die Richter erzwingen einen Moment der Ruhe und Muße in einer Arbeitswelt, die zunehmend von Schichtplänen und Minijobs auf Abruf geprägt ist. Gerade in den Warenhäusern und Einkaufszentren, wo die Verkäuferinnen kaum noch reguläre Verträge kennen, geschweige denn gerechte Löhne, zeigt der Zwang zum Sonntagsdienst fatale Wirkung. Mit den Frauen, die zwei Drittel der Beschäftigten in diesem Bereich stellen, leiden ihre Kinder. Und das Grundgesetz schützt nicht allein den heiligen Sonntag, sondern vor allem Ehe und Familie vor schädlichem Einfluss.
Die seltsame Berliner Metropolenallianz zwischen Rot-Rot und Einzelhandel ist einstweilen gestoppt, die finale Opferung sämtlicher Sonn- und Feiertage an Konsum und Kommerz findet nicht statt. Das ist ein wichtiger Fingerzeig nicht nur an die schwarz-gelbe Bundesregierung. Zwar steht der Ruf nach Liberalisierung - nicht nur der Ladenöffnungszeiten - prinzipiell unter FDP-Verdacht, doch dieser seit langem andauernde Konflikt folgt weniger den Gesetzen der Farbenlehre als denen von Markt und Konkurrenz.
Die "Vergötzung des Geldes"
So hat Mecklenburg-Vorpommerns große Koalition mit gewisser Sorge nach Karlsruhe geschaut. Das Urteil dürfte indes die Ostsee-Anrainer, die während der Sommermonate in Sieben-Tage-Wochen ihr Jahreseinkommen verdienen müssen, kaum tangieren; die Bäder-Regelung gilt als begründete Ausnahme. Das Saarland mit seiner Jamaika-Regierung, das sich ein Stück weit am Berliner Vorbild orientieren wollte, wird die Urteilsbegründung schon genauer durcharbeiten müssen. Sie könnte daraus lernen, dass sich im freien Sonntag der Protest manifestiere gegen die "Fron der Arbeit" und die "Vergötzung des Geldes".
Starke Worte, dem katholischen Katechismus entliehen. Sie würden noch kraftvoller wirken, klänge da nicht dieser schräge Unterton mit. Der Sonntag, den die Verfassungsrichter meinen, idealisiert die Wirklichkeit, existiert vor allem als Wille und Vorstellung. Die um den Adventskranz versammelte Familie gibt es natürlich noch, in Großstädten etwas seltener als auf dem Land. Dass sie auseinanderdriftet, liegt freilich nicht nur an den geöffneten Geschäften am Kudamm und Alex. Insofern könnte es sein, dass die Verfassungsrichter zu retten versuchen, was im Grunde schon verloren ist.
Es ist diese Diskrepanz, mit der unsere zweifelnde Gesellschaft leben muss. Mit der Schöpfungsgeschichte haben wir abgeschlossen, sie als unglaubwürdig ins Märchenreich verbannt, aber den Sonntag wollen wir in Muße heiligen. Und ignorieren, dass wir damit nicht einmal Gottes Ruhetag begehen, das wäre der Samstag, der jüdische Sabbat. Unser Sonntag ist eigentlich von seiner religiösen Herkunft her ein Tag voller Schaffensdrang, jene Initialzündung der Schöpfung, als Licht angesagt wurde und Licht ward.
Dieses Licht ist nicht zu verwechseln mit dem kommerziellen Geglitzer der Ladenzeilen und den künstlichen Weihnachtsbaumkerzen der Kaufhäuser. Leuchten könnten die Werte der Gemeinschaft, der christlichen wie der sozialen, wenn sie die Chance der Besinnung ergreift. Die von Karlsruhe verordnete Sonntagsruhe bietet keine Garantie, dass dies gelingt. Aber es ist den Versuch wert.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.