Die Empörung hat Tradition, die Forderung nach Konsequenzen auch. "Absetzen, sofort absetzen", heißt das Verdikt über eine mehrteilige Doku-Soap namens "Erwachsen auf Probe", mit der RTL am heutigen Mittwoch auf Sendung geht. Der Marsch der Angewiderten wird angeführt von der Berliner Fachministerin höchstselbst, Ursula von der Leyen, die einen Abgrund von Kindesmissbrauch wähnt.
In ihrem Gefolge reden Kinderschützer einer Demarche beim Kölner Privatsender das Wort. Der führte interessierten Medienjournalisten auszugsweise vor, was er abgedreht hat zum Serien-Thema "Teenagerpaare mit Kinderwunsch üben mit leibhaftigen Kleinen und Halbwüchsigen, wie es sich mit Nachwuchs lebt". Von seelischen Grausamkeiten wussten die Vor-Seher freilich nichts zu berichten.
Am Rande fragt man sich, was Eltern eigentlich dazu bringt, ihre Kinder für solche Drehs auszuleihen, und landet irgendwie unwillkürlich immer bei der Antwort: Gage. Die Entrüstung über das Motiv müsste fairerweise dann aber auch über Eltern niedergehen, die ihre Babys für Werbespots und Spielfilme vermieten.
Die Auseinandersetzung um eine Sendung wie "Erwachsen auf Probe" ist vor allem eine über das Genre, das sich seit Jahren über private wie öffentlich-rechtliche Kanäle verbreitet hat und dessen Themenspektrum schier unerschöpflich scheint. Regelmäßig entzündet sich an Doku-Soaps eine Debatte darüber, was Fernsehen darf, die von Dokumentationen oder Soap Operas allein nie ausgelöst wird. Vor neun Jahren geriet man sich hierzulande heftig in die Haare über die Frage, ob "Big Brother" denn nun schamloser Schmuddel oder gute Unterhaltung ist. Heute ist die Sendung, obwohl sie noch läuft, Fernseh-Geschichte.
Eine Doku-Soap ist die Simulation von Wirklichkeit. Ob nun Menschen für irgendeinen Job ausgesucht (gecastet) werden, ob sich die Sendung um Hygiene-Zustände in Restaurantküchen dreht oder insolvente Haushalte, ob Hartz-IV-Empfänger ins australische Outback auswandern oder Menschen mit einem Promifaktor unter der Nachweisgrenze in Mehlwürmern baden: Stets mischt sich Erfundenes und Wahres.
Das allein fuchst so manchen Kritiker, der noch mit den sterilen deutschen Kulturmaßstäben misst: Entweder ist es E- oder U-Musik, Schund oder Literatur. Dazwischen hat gefälligst ein Graben zu klaffen. Die Grenzen verschwinden auch deshalb, weil via (Privat-) Fernsehen und Internet sich das Angebot privat angefertigter Kultur und Unterhaltung vervielfacht hat. Ob dadurch ein Gewöhnungsprozess ans Abseitige oder Abgeschmackte unumkehrbar wird, dürfte noch nicht ausgemacht sein. Wer dabei schärferen Zensuren das Wort redet, arbeitet sich gern an Doku-Soaps ab.
Die sind - mitunter - unterhaltsamer als eine Dokumentation und realistischer als ein Spielfilm. Die Doku-Soaps gewinnen ihr Publikum, weil in ihnen reale Menschen die Hauptfiguren sind. Hin und wieder kann der Zuschauer durch die Sendungen was lernen, kann sich mit einem Menschen freuen, der etwas gewinnt, mit einem ärgern, der eine Chance verpasst hat, lachen über jemanden, der sich lächerlich macht.
Einige Doku-Soap-Formate revitalisieren den Amateurgedanken. Besonders sympathisch gelang dies vor zwei Jahren in der Sendung "Britain's got Talent", die der anrührende singende Autotelefonverkäufer Paul Potts aus Wales gewann. Dieses Format offenbart aber nun auch die Kehrseite des plötzlichen Rummels um bis dahin unscheinbare Menschen: als sich am vorigen Wochenende die anrührende altmodische singende Schottin Susan Boyle anschickte, Potts zu beerben, nur Zweite wurde, darob die Nerven verlor und in die Klinik eingeliefert wurde. Doch ob zweiter oder erster Rang, Boyle wie Potts haben es - vor allem auch dank YouTube - zu Weltruhm gebracht, ohne dass jemand behaupten würde, ihretwegen müsste die Musikgeschichte neu geschrieben werden.
Es wird niemand gezwungen, unsinnigen Verheißungen renditeorientierter Fernsehsender Glauben zu schenken. Das Topmodel ist gar kein Topmodel und der Superstar kein Superstar, schon gar keiner, den Deutschland gesucht hat? Ach was. Das wissen wir spätestens seit der ersten Sendung.
"Erwachsen auf Probe" - das Vorbild hat übrigens die ehrwürdige britische BBC ausgestrahlt - kann selbstredend keine Blaupause für die Wirklichkeit sein. Vielleicht, wer weiß, ist die Doku-Soap auch miserabel. Aber deswegen muss sie nicht verboten werden.
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