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Leitartikel: Das verbotene Verbot

Tief verschleierte Frauen lösen Unbehagen aus. Doch ein Bann hilft nicht. Er provoziert nur Trotz und versperrt Musliminnen den Zugang in eine freiheitliche Gesellschaft. Von Monika Kappus

Monika Kappus ist Politikredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Monika Kappus ist Politikredakteurin der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Komplett verhüllt. Selbst die Augen kaum zu sehen. Die Frau unter dem Stoff nur zu ahnen, nicht zu fassen. Beklommenheit und Befremden nähren Abwehr und Aggression. Warum lebt jemand im Westen, der sich so demonstrativ ausgrenzt? Müssen wir das aushalten?

Nein, meint die türkischstämmige Autorin Lale Akgün und rät den Deutschen, es den Franzosen nachzumachen. Die wollen den Ganzkörperschleier in öffentlichen Einrichtungen verbieten. Nicht einmal Bus und Bahn sollen Frauen fahren dürfen, die eine Burka mit Gitter vor den Augen oder einen Nikab mit Sehschlitzen tragen. Akgün wirbt mit einem schlichten Argument: "Die Burka ist ein Ganzkörpergefängnis, das die Menschenrechte tief verletzt."

Tatsächlich erzeugt ein Gegenüber, das sich nicht einschätzen lässt, Rat- und Hilflosigkeit. Von außen lässt sich nicht beurteilen, ob sich eine Burka-Trägerin freiwillig oder unter Zwang verhüllt. Kann aus freien Stücken überhaupt handeln, wer einer Kultur folgt, die aufgeklärten Maßstäben nicht standhält? Wichtige Fragen. Allein, warum stellen wir sie? Geht es uns um die Person? Hand aufs Herz: Haben Sie je versucht, Kontakt mit einer solchen Frau aufzunehmen? Oder mit Muslimen über die Burka zu reden? Und: Wie sehr engagieren Sie sich für die Frau nebenan, die wie ein geprügelter Hund aussieht, wenn ihr Mann länger zu Hause ist? Er wäre ein Fall für die Polizei genauso wie der Muslim, der seine Frau unter den Schleier zwingt.

Steht die Burka nicht eher für das Fremde an sich, die Fremden, die mit uns leben? Von uns Demokraten haben sie gelernt, für sich ein Recht auf kulturelle und religiöse Identität zu behaupten. Aber sie teilen nicht alle unsere Gepflogenheiten. Nur mühsam gewöhnten sich die Deutschen, die sich in der Nazizeit aller als fremd definierten Einflüsse beraubt hatten, an Italiener und Griechen. Als aus Gastarbeitern Mitbürger wurden, suchte sich das Bedürfnis nach Identitätsstiftung neue Opfer. Die bröckelnde christlich-abendländische Identität ließ sich scheinbar aufrichten an der Ausgrenzung der Zuwanderer aus dem Morgenland. Offene Islamphobie ist zum Glück eher selten, die Abwehr richtet sich gegen Symbole: Moschee und Minarett, Kopftuch und Burka.

Doch in einem Land, wo Kreuze in Klassenzimmern hängen, wo eine Kirche staatlich unterstützt wird, die nur Männer in die erste Reihe stellt, sollte vorsichtig sein, wer den ersten Stein wirft. Schon das Kopftuchverbot für Lehrerinnen war falsch. Wer andere mit seinem Bekenntnis in Ruhe lässt, gefährdet mit einem Stück Stoff auf dem Haar nicht den Bestand der Republik. Wer dem mit Verboten beizukommen sucht, provoziert Trotzreaktionen und greift die Freiheit nicht nur der fremden Religion an.

Muslime aller Couleur spüren, wie viel grundsätzliche Ablehnung im Kampf gegen Ausdrucksformen ihrer Kultur und Religion mitschwingt. Sie fühlen sich mit ausgegrenzt, wenn die Tracht einiger weniger Muslima zum Glaubensstreit stilisiert werden soll mit Hilfe der impliziten Frage, was für eine Religion das wohl sei, die Frauen derart unterdrücke. Dabei lehnen die allermeisten Muslime selbst den Ganzkörperschleier ab. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, kann auch allen Katholiken vorhalten, sie wollten wie die Piusbrüder die lateinische Messe zurückhaben.

Deshalb ist es beruhigend, dass die große Mehrheit der politisch Verantwortlichen in Deutschland die Burka-Verbotsdebatte nicht befeuert. Wo Gesicht zeigen unerlässlich ist, muss Verständigung gesucht werden. Es ist klar, dass keiner eine Prüfung ablegen oder einen Pass beantragen kann, der seine Identität nicht nachweist.

Ein Burka-Verbot im öffentlichen Raum verbietet sich, weil es die Isolation der Frauen verschärft. Und weil wir uns durch kleinliche Verbote von dem verabschieden, worauf wir mit Recht stolz sind: vom Anspruch, eine freiheitliche und plurale Gesellschaft zu sein. Die bedarf der Selbstvergewisserung, auch in einer Burka-Debatte. Nur sollte sie ehrlich geführt werden.

Dann würde deutlich, dass nicht eine Handvoll Schleier-Trägerinnen unser friedliches Zusammenleben bedroht, sondern das Versäumnis, allen Menschen in unseren Grenzen gleiche Chancen zu geben. Hier müssen wir ansetzen, damit Zuwandererkinder nicht länger solche Sprachdefizite aufweisen, dass sie kaum die Hauptschule schaffen. Das ist freilich aufwendiger als Mitleid mit einem Kind an der Hand einer Vollverschleierten. Ein Verbot ginge schnell. Es hilft nur nichts. Im Gegenteil.

Autor:  Monika Kappus
Datum:  1 | 2 | 2010
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