Die Boulevardpresse schwankt. Einmal sind ihr die 24 Quadratmeter der behindertengerechten Zelle zu viel, die Iwan Demjanjuk sich mit einem Häftling teilt: Hat jemand, der womöglich für den Tod unzähliger unschuldiger Menschen verantwortlich ist, solche Bequemlichkeit verdient? Ein andermal wird online abgestimmt, ob es nicht unwürdig sei, einen alten, kranken Mann vor Gericht zu stellen.
Ja, es ist unwürdig. Aber es führt doch kein Weg daran vorbei. Ob der im August verurteilte Josef Scheungraber (91), der in Aachen vor Gericht stehende Heinrich Boere (88) oder Demjanjuk (89) - wer Verbrechen begangen haben soll, muss vor Gericht. Dass die alten, kranken Männer einen rechtsstaatlichen Prozess bekommen, dass sie in menschenwürdigen Gefängnissen sitzen - allein das ist schon ein Triumph über die Diktatur und den Terror.
Es liegt auch an den Angeklagten selbst, wie würdig die Verfahren verlaufen. Jetzt stehen die vor Gericht, die bei Kriegsende gerade mal 20, 25 Jahre alt waren: das Fußvolk der Vernichtung. Nicht die Organisatoren und Einpeitscher, sondern die mehr oder weniger willigen Vollstrecker. Demjanjuk ist angeklagt, weil er sich, so der Vorwurf, lieber zum Mordgehilfen ausbilden ließ, als im Kriegsgefangenenlager zu sterben; weil er nicht desertierte, als ihm klar geworden sein muss, womit er sich im Vernichtungslager Sobibór die Hände blutig machte. Es wäre mutig von ihm zu sagen: Ja, ich wurde SS-Helfer; ich glaubte, keine andere Chance zu haben. Ja, ich habe morden geholfen; ich sah keinen Ausweg.
Doch Demjanjuk wird diesen Weg kaum wählen. NS-Täter haben sich vor Gericht noch jedes Mal in Gedächtnislücken und widersprüchliche Darstellungen geflüchtet. Sie können wohl nicht mehr anders, die Täter und Mittäter, sie müssen an ihre eigenen Lügen glauben. Das ist leichter, als das Wissen zu ertragen, sich das eigene Leben mit dem Tod Tausender erkauft zu haben.
Deutschland hat es ihnen lange leicht gemacht, sich in ihre Lügen einzuspinnen. Es waren die Lügen einer ganzen Generation. Die wenigen, die sich nicht die Hände schmutzig gemacht hatten, mussten sich arrangieren mit der Mehrheit der Mitläufer, Schreibtisch- und anderen Täter.
Die Justiz, in deren Reihen sich viele alte Nazis befanden, versagte auf ganzer Linie. Die SS-Offiziere, die tausende nichtdeutsche "Hilfswillige" zu Handlangern des Holocaust ausbildeten, wurden 1976 freigesprochen. Viele Ermittlungen verliefen noch in den 1990er Jahren so zäh, dass die Beschuldigten die Anklage nicht mehr erlebten. Der Eifer, den die deutsche Justiz seit ein paar Jahren entwickelt, kann die Versäumnisse nicht wieder gut machen. Jetzt, da es um die kleinen Mittäter geht, kommen die Gerichte in Gang - das hat einen üblen Beigeschmack. Aber der kann kein Grund sein, sie laufen zu lassen.
Gegner des Demjanjuk-Verfahrens argumentieren, die Auschwitz-Prozesse, der Eichmann-Prozess seien auch als Nachhilfestunden für die deutsche Öffentlichkeit nötig gewesen; heute müsse nichts mehr bewiesen werden. Nur ein paar Unverbesserliche stellten den Holocaust noch in Frage. Das stimmt. Aber ein Blick in die User-Kommentare der Online-Medien reicht, um zu erkennen, dass das "Dritte Reich" längst nicht ausreichend aufgearbeitet ist, um gefahrlos im Abgrund der Geschichte endgelagert zu werden. Zwischen der wohlfeilen Verdammung des Angeklagten als unmenschliche Bestie und der pauschalen Entschuldung des gebürtigen Ukrainers als Opfer der bösartigen Deutschen rangieren die Äußerungen, von Wortmeldungen ganz zu schweigen, die wegen justiziabler Entgleisungen gesperrt werden.
Es sind noch viele Fragen offen, die der Prozess thematisieren muss. Hätte ein 23-jähriger Rotarmist, der in die Hände der Wehrmacht fiel, sich wehren können? Hätte er aus Sobibór fliehen, sich in den Wäldern verstecken können? Es gab Trawniki, die desertierten; sie wurden, wenn die SS sie erwischte, verprügelt, Historiker sagen, kein einziger wurde hingerichtet. Konnte ein ukrainischer Bauernsohn das wissen? Musste er das Risiko eingehen?
Demjanjuk stellt sich diesen Fragen nicht. Er sieht sich als Opfer, will die ganze Zeit im Kriegsgefangenenlager gesessen haben. Auch dieser Prozess wird ein Katz-und-Maus-Spiel werden mit Befangenheitsanträgen, Verzögerungstaktik und juristischen Spitzfindigkeiten. Das gehört zum Wesen rechtsstaatlicher Prozesse. Das steht allen Angeklagten zu, auch mutmaßlichen NS-Verbrechern. Würdig ist es nicht.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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